Ständig diese Drohungen!

"Wenn Du jetzt nicht kommst, dann gehen wir ohne Dich." - "Wenn wir jetzt nicht gehen, dann kommen wir zu spät." - "Wenn ich Euch jetzt nicht endlich die Windeln wechseln kann, dann bleiben wir zu Hause." - "Wenn ihr heute wieder nur Blödsinn macht, dann gehen wir nicht wieder hin."

 

Unser Morgen war ein weiteres Mal gespickt von kleinen verzweifelten Drohungen meinerseits, mit der Hoffnung, die Hexlein dazu zu bewegen, was jetzt eigentlich geplant war. Und kaum ausgesprochen, könnte ich mich dafür in den Hintern treten. Gelingt es mir doch sowieso kaum, meine Drohungen auch wahr zu machen und werde ich folglich in den seltensten Fällen von den drei äusserst willensstarken kleinen Damen ernst genommen.

 

Schon so oft habe ich versucht, mir diese Erziehungs-Drohungen abzugewöhnen. Und frustrierend selten gelingt es mir, sie wieder zu schlucken, bevor mein Mund sie ausgesprochen hat. Abgesehen davon, dass ich es schlicht schrecklich finde, war ich bei nur einem Kind vor lauter schlechtem Gewissen und dem vermeintlichen Frieden zu liebe viel zu nachlässig in der Umsetzung meiner davor ausgesprochenen Drohung und jetzt bei drei Kindern, sind sie selten überhaupt umzusetzen. Zumindest nicht ohne, dass ich zwei Kinder mit für etwas bestrafe, was sie weder verursacht noch verstehen können. 

 

Warum also, kann ich es nicht einfach lassen?

 

Aus Frustration, Frustration darüber, dass meine Hexlein offenbar nicht die Vorfreude auf die Unternehmung zeigen, welche ich erwarten würde. Meinetwegen müssen wir nicht zum vierten Mal diese Woche auf den Spielplatz. Ist es mir doch eigentlich eher recht, wenn wir uns verspäten und die Twins daher in den Kinderwagen sitzen müssen, statt wie gewünscht zu spazieren. Eine meiner Hauptaufgaben besteht darin, meine Hexlein tagsüber so zu beschäftigen und auszulasten, dass sie bitte abends müde sind. Also plane ich, organisiere ich... Und schlussendlich sind meine Nerven schon alle aufgebraucht, bevor wir das Haus verlassen haben. Warum tue ich mir das an, wenn sie ja doch nicht wollen...? Ich bin frustriert...

 

Aus Scham, weil meine drei schon wieder den Musikkurs stören, weil sie wieder keine zwei Minuten das machen können, was alle anderen tun.

 

Statt zu rasseln und zu klatschen und zu singen, rennt A rund um den Kinderkreis, B versteckt sich irgendwo im Raum und C möchte jetzt und jetzt sofort trinken und essen und sich ausziehen und... Ich drohe wieder - "Wir gehen, wenn Du jetzt nicht mitmachst." Ohrenbetäubendes Geheul aus zwei verschiedenen Richtungen: A, dem die Konsequenz angedroht worden war, ist es völlig egal. Aber die verstecke B und die hungrig und durstige C wollen keinesfalls jetzt gehen. Fünf Mütter, eine Kursleiterin und gefühlte 100 andere Augenpaare schauen in unsere Richtung. Ich schäme mich...

 

Aus Verzweiflung, weil ich einfach nicht mehr weiss, was ich ausser Drohen denn noch versuchen soll. Versagt hat die liebevolle Erklärung, versagt das Erheben der Stimme, versagt das Locken mit irgendwelchen doch tollen Aussichten... Noch immer sitzt B bockig auf dem Garderobenboden und ist völlig überzeugt, die Schuhbändel selbst binden zu können. Weder helfen darf ich, noch will sie mit offenen Schuhbändeln gehen. Komme ich ihr auch nur fünf Zentimeter zu nahe, halten sich sämtliche anderen Kindern die Ohren zu. Und eigentlich sollte ich jetzt schauen, wo C ist und dafür sorgen, dass A damit aufhört, den riesigen Kinderwagen hin- und her- und damit ständig in die Beine anderer Mütter und Kinder zu stossen. Dabei war der Kurs doch heute toll, daheim wartet das morgens eilig gekochte Mittagessen, der Plan so perfekt. Der Rest ist weg, ich sitze immer noch da, mein Hexlein B ebenfalls, Schuhbändel offen, der Gesichtsausdruck verspricht Kompromisslosigkeit. Ich könnte heulen. Ich bin verzweifelt...

 

Ich habe gedroht und versagt und schlussendlich doch genau das gemacht, was geplant war. Und trotz Drohung und x-fach völlig unbeeindruckten Reaktionen darauf meiner Hexlein kamen wir weder zu spät, noch mit einem Kind weniger, noch überhaupt nicht und heim kamen wir dann übrigens auch wieder, sogar das Essen war noch immer da. Ich war lediglich abgekämpft, meine Glaubwürdigkeit in den Augen meiner Kinder wieder etwas kleiner und mein Vorsatz diese Drohungen endlich zu lassen, noch grösser.

 

 


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Kommentare: 2
  • #1

    Lydia (Montag, 27 März 2017 06:09)

    Endlich mal ein Blog darüber, welche Problemchen entstehen können bei Erziehungsabsichten und deren oftmals schwieriger Umsetzung! Kompliment der Verfasserin solch bildhaft formulierten Alltagsgeschichten einer engagierten, kreativen und selbstreflektierten Mutter! Unverblühmte Infos aus erster Hand - top!

  • #2

    Barbara (Dienstag, 28 März 2017 15:00)

    Grandios formuliert und trotz "Ernsthaftigkeit" des Themas ein "Lesevergnügen"...! Freue mich auf weitere Beiträge...