Auf Knopfdruck glücklich - Teil II

Ich habe also festgestellt, dass die Verwirklichung meines Traumes von Kindern und Familie mich in der Realität nicht mit dem umfassenden Glück beschert, welches ich in meinen Vorstellungen empfand. Ganz ehrlich, ich habe mir die Umstellung vom unabhängigen Single-/Pärchenleben zum Familienleben auch überhaupt nicht so extrem vorgestellt. Vielleicht waren wir auch einfach zu schnell, zu naiv... Ich traf meinen Mann zum ersten Mal und innerhalb des folgenden Jahres mutierte ich von der selbstbewussten, unabhängigen, schlanken, partyfreudigen und trinkfesten, mitten im Berufsleben stehenden jungen Frau zu einer fetten, übermüdeten, dauerheulenden, ungeduschten und überängstlichen Daheimhockerin. Gerade noch hatte ich vor einem Treffen mit meiner grossen Liebe vor dem Spiegel gestanden und sämtliche Unterwäsche durchprobiert, musste ich ihn nun um Hilfe beim Entfernen der Haare aus meiner Bikinizone bitten und fand ich mich knapp 10 Monate später brüllend wie ein Schwein auf der Schlachtbank und splitternackt in einer Badewanne wieder und liess mir ohne jede Hemmung von drei - davon zwei völlig fremden - Menschen dabei zusehen, wie ich das Ergebnis unserer Leidenschaft aus mir herauszupressen versuchte. Ich stellte plötzlich etwas dar, was sich mit meiner Vorstellung meiner selbst (noch) so gar nicht vereinbaren liess und was ich auch für meinen Mann nicht sein wollte. Kaum hatten ich und mein Körper sich von diesem Schock langsam erholt, ging das Ganze wieder von vorne los. Und diesmal begleitete uns die ganze Zeit nicht nur die Verarbeitung der ganzen Veränderungen, sondern auch noch die Sorge um unsere ungeborenen Zwillinge, die kaum zu stillenden Bedürfnisse eines kleinen Mädchens und die Vorbereitung auf eine neue und um Längen grössere Umstellung. Nach knapp 35ig bangen Wochen lag ich splitterfasernackt und völlig unbeweglich vor mindestens zehn fremden Menschen und liess mir meine Kinder zwei und drei aus dem Bauch herausschneiden. Mir wurde keine Wahl gelassen und im Vordergrund stand stets nur das Wohl der beiden Winzlinge. Da waren sie nun und mit ihnen war auch mein letzter Rest Hemmung und Selbstachtung aus mir entwichen. Wohl ein Grund dafür, warum ich es mir und allen beweisen musste und mich nur 48 Stunden nach dem Kaiserschnitt entlassen liess. Ich flüchtete panisch aus diesem Gefühl der Beobachtung, dem Ausgeliefertsein in die vermeintliche Geborgenheit meines Zuhauses und musste kurz darauf feststellen, dass ich nun als Mutter von Zwillingen offenbar Mittelpunkt des Interesses war. Also, nicht ich, sondern die beiden Winzlinge. Ich musste von da an regelmässig Auskunft darüber geben, warum ich meine Mädchen nicht stille, warum sie nicht natürlich geboren worden sind und mit möglichst leidendem Blick bestätigen, dass ich jetzt abends immer wisse, was ich tagsüber getan habe. Um natürlich dann noch immer strahlend zu schwärmen, welch unglaubliches Geschenk Zwillinge sind. Meine eignen Bedürfnisse und Träume waren nun definitiv und vollständig in den Hintergrund gerückt. Und selbst da, war die Grenzen noch nicht erreicht. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen, als unsere Mini-Mädchen mit knapp zwei Monaten am RSV erkrankten und in sehr schlechter Verfassung im Krankenhaus lagen. Zwilling A stand kurz vor der Beatmung und da die entsprechende Abteilung zum Bersten voll war, vor der Verlegung in ein anderes Krankenhaus. Ich, ganz Löwenmutter und mit sämtlichen Fasern meines Körpers und meiner Seele nur noch bei meinen Kindern, kämpfte dafür, dass mein Mädchen bei seiner Zwillingsschwester im Krankenhaus bleiben konnte - mit dem einzigen Hintergedanken, dass mein Mann und ich uns nicht durch drei teilen konnten - und musste mich dafür aufgelöst in Sorgen und Ängsten - mitten in der Nacht von einer jungen Ärztin anbrüllen lassen, dass sie ja nur das Wohl meiner Tochter im Auge habe. Ja, ich auch. Das Wohl meiner Kinder und ansonsten gar nichts mehr...

 

Wer eine Gebärmutter hat, ist zum Muttersein geboren und von Grund auf fürs Mutterglück ausgestattet. Und, wenn man sich nicht bereits Jahre vor dem ersten Kind darauf vorbereitet hat, dass sich alles ändert - obwohl selten jemand ehrlich genug ist, einem wirklich die Wahrheit und nichts als die Wahrheit übers Kinderhaben darzulegen - dann hat man einen grossen Fehler begangen. Denn schliesslich hätte, wer das alles nicht mit Links packt, es besser gelassen, das Kinderkriegen. Mit der Geburt eines Kindes wird man automatisch zur Superwoman und multitaskingfähigen Alleskönnerin und bitte, das ist doch aber auch selbstverständlich. Manchmal war ich ganz einfach nur erleichtert, dass wir Zwillinge bekommen hatten, weil ich so wenigstens ein bisschen etwas Spezielles hatte, was immerhin ein bisschen zu rechtfertigen vermochte, dass ich nicht alles sofort und mit Bravour auf die Reihe brachte. Der Schritt zum ersten Eingeständnis, dass ich weit jenseits meiner Grenzen angelangt war und ohne Hilfe wohl demnächst kollabieren würde, war dennoch riesig. Eine Mutter versagt nicht und Hilfe benötigen kommt dem Versagen nahe. Und tut sie es doch, dann eben, hätte sie sich besser vorher überlegt, ob sie überhaupt fähig ist diese eigentlich Glück und Erfüllung bringende Aufgabe zu übernehmen.

 

Nun denn, die Kinder sind an diesem Punkt in der Regel schon da und die Babyklappe allerhöchstens in ganz verzweifelten Momenten eine Option. Da steht man dann also Mitten im Schlamassel. Verloren sind sämtliche Hemmungen und sämtliche Selbstachtung, die Zukunft scheint auf Jahre hinaus aus Windeln, Milchflaschen, Muttermilchpumpe, riesigen fetten Wochenbettbinden und durchwachten Nächten zu bestehen. Entspannung, Ruhe, Zweisamkeit oder gar Sexualität sowie finanzielle Unabhängigkeit, beruflicher Erfolg und all die anderen eigenen Bedürfnisse scheinen ähnlich unrealistische Wünsche wie ein Pinkes Einhorn mit Glitzerschweif und Flügeln zu sein. Wer es trotz allem zur dauerlächelnden Happymom schafft, hat meine vollste Bewunderung und ohne Diskussion die Auszeichnung zur Superwoman verdient. 

 

Mir ist das nicht gelungen... Und mit jedem Millimeter meines Selbst, welchen ich wieder zurück erkämpfte, verlor ich ernüchtert einen anderen. Kaum passte ich endlich wieder in eine normale Jeans - Zwillinge sind ein Diätverfahren, welches ich eigentlich patentieren lassen sollte - musste ich die Kündigung meiner Arbeitsstelle schreiben. Kaum traten die Zwillinge in die Kita ein und ich hatte mir ein paar wenige Stunden Freiheit in der Woche zurück erarbeitet (die ich im Übrigen in der Regel zum Putzen verwende), musste ich erschreckt feststellen, das sämtliche meiner finanziellen Reserven weg waren. Und so lässt sich die Liste unendlich fortsetzen und die Linie zieht sich bis ins Kleinste. Die letzten zwei Abende, welche ich alleine mit einer Freundin ausser Haus verbracht habe, endeten einmal darin, dass knapp dreissig Minuten nach meiner Rückkehr Zwilling B begann im im zehn Minuten Takt zu erbrechen und das andere Mal, dass ich um kurz vor 22 Uhr wieder in der Haustüre stand und den Rest der Nacht anstatt zu feiern damit zubrachte, den Husten- und Würgattacken von Zwilling A zu lauschen. Nein, so hatte ich mir das schlicht und einfach nicht vorgestellt.

 

Ich bin keine sonderlich extrovertierte Persönlichkeit, aber dennoch zu wenig altruistisch, als dass ich mein Sein komplett für andere aufopfern kann. Dennoch musste ich erfahren, dass das von mir als Mutter erwartet wird. Oder erwarte ich am Ende einfach auch viel zu viel von mir selber? Ich glaube, vermeintliche Erwartungen der Gesellschaft kumulieren sich mit meinem Perfektionismus und das Resultat ist ziemlich vernichtend, schlicht nicht erreichbar. Und so leide ich nach bald fünf Jahren Mama-Sein mittlerweile wohl eher daran, dass ich immer noch darunter leide, als an den grundlegenden Veränderungen, welche meine Kinder für mein Leben mit sich brachten. Ich bin frustriert, dass ich frustriert bin und dass es mir nicht gelingt, mich mehr zurückzunehmen und weniger nach Möglichkeiten zu suchen, wieder etwas zu werden, was ich offenbar nicht mehr bin. Mein Leben hat sich verändert - und durchaus in vielen Bereichen zum Positiven... Aber mein Kopf trauert immer noch irgendeinem Selbstbild hinterher, dass ich längst gar nicht mehr bin und wahrscheinlich auch nicht mehr sein möchte. Also bereue ich es vielleicht gar nicht, Mutter geworden zu sein, sondern ärgere ich mich darüber, dass ein Teil in mir drin noch immer nicht einsehen will, dass wir in unserem Leben einen grossen Schritt weiter gekommen sind und auf jedem Weg gewisse Dinge hinter uns bleiben, während wir auf neue zusteuern.

 

Mutter zu werden bedeutet, innert Kürzester Zeit in eine völlig neue und unbekannte Rolle schlüpfen zu müssen und da wir Frauen ja automatisch mit den dazugehörigen Hormonen und Genen ausgestattet werden, diese Mutation von Frau zu Mutter auch komplikationslos zu meistern. In unserer individualisierten Gesellschaft haben wir Jahre damit zugebracht, an uns selber zu basteln und uns auf unsere eigene Persönlichkeit zu konzentrieren. Selbst an Beziehungen wird kaum mehr gearbeitet, wenn das Gegenüber nicht passt, wird es ausgewechselt. Dann werden wir Mütter und sollen auf einmal akzeptieren, dass nun wir selber ganz weit hinten in der Reihenfolge stehen. Und weil das alles so erwartet und so vorausgesetzt ist, wagen wir es auch kaum darüber zu reden, wenn es uns denn dann eben nicht einfach so gelingt, wir zweifeln und verzweifeln und vor lauter Scham darüber, dass wir offensichtlich versagen, irgendwann Mitten in der Nacht die Bügelwäsche erledigen, anstatt einfach zu unseren Wäschebergen zu stehen. Wir werden aus unserem gewohnten Alltag herausgerissen und mit Aufgaben betraut, welche in der Gesellschaft als von einer Frau - einer Mutter und Hausfrau - als selbstverständlich und problemlos zu bewältigen angesehen werden. Vorher wurden wir für unsere Arbeiten respektiert, vielleicht bewundert und auf jeden Fall bezahlt. Jetzt arbeiten wir sieben Tage die Woche und eigentlich rund um die Uhr, selbst die kurze Kaffeepause entfällt meistens und dafür verdienen wir kein Lob. Es ist schliesslich unsere angeborene Aufgabe und die Liebe der Kinder ist reichlich Lohn.

 

Ja, strahlende Kinderaugen, kleine Ärmchen um meinen Hals, das Küsschen zur Guten Nacht, selbst Appetit beim Mittagessen... Das alles entschädigt auf wunderbare Weise. Ohne Zweifel! Auch die selbstsüchtige Rabenmutter wird beim ersten "Ich hab Dich lieb" ihres Kindes dahinschmelzen. Und dennoch, ist für mich heute klar, dass sich die Rolle, das Bild der Mutter verändern muss. Wir Mütter sind mehr als Köchin, Staubsauger, Waschmaschine und Krankenschwester. Wenn wir es irgendwie geschafft haben, all diese Veränderungen zu verkraften und nun mit glücklichen Kindern an der Hand durch die Welt spazieren, dann haben wir haben wir uns einen anderen Platz in der Gesellschaft verdient, als uns noch heute meist zugewiesen wird. Dann sollte uns die Welt offen stehen und wir sollten dabei unterstützt werden, unsere erworbenen Fähigkeiten, unsere Ausdauer und unsere Kraft einzusetzen und nicht dafür kämpfen müssen, es in irgendeiner Form vielleicht zu dürfen.

 

Ich glaube, in meinem nächsten Leben werde ich Vater... Denn, trotz allem, auf Kinder, diese unvorstellbare Liebe, möchte ich keinesfalls jemals mehr verzichten!

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Kommentare: 1
  • #1

    Claudia (Freitag, 21 April 2017)

    Hammer! Wie du schreibst und was du schreibst! Ich denke, das macht vielen Frauen Mut die in einer ähnlichen Situation sind. Wir sind alle nicht perfekt. Und das müssen wir auch nicht sein. Grosses Kompliment für deine ehrlichen und offenen Worte!