Auf Knopfdruck glücklich...

Soweit ich mich zurück erinnern kann, war mir klar, dass ich einmal Kinder, eine Familie haben möchte. Dieser Wunsch war immer da, manchmal stärker, manchmal schwächer, aber ein Leben ohne Kinder, darüber dachte ich lediglich kurze Zeit nach, als ich nach längerer Beziehung kurz vor meinem 30igsten Geburtstag plötzlich wieder alleine da stand. Selbst in dieser Phase jedoch verschwendete ich kaum einen Gedanken daran, meine Zukunft kinderlos zu verbringen, sondern eher mit Planungen, wie ich mein Ziel auch ohne passenden Mann erreichen könnte.

 

Ganz nach dem Motto: "Unverhofft kommt oft" lernte ich dann meinen Mann kennen und knapp vier Monate später war ich schwanger. Genau ein Jahr und zwei Tage nach unserem ersten Treffen wurde unsere Grosse geboren. Jetzt hatte ich alles, was ich mir gewünscht hatte. Eine wundervolle Tochter, einen wundervollen Mann, ein wundervolles Leben... Und obwohl ich genau spürte, dass jeder um mich herum nun erwartet, dass mir 24 Stunden am Tag die Sonne aus dem Popo scheint, ich fühlte nicht so... "Zum Glück" entsprach unser ältestes Hexlein so gar nicht dem, was man sich unter einem zufriedenen Anfängerbaby vorstellt und so hatte ich meine Ausrede für mich selber und regelmässig jammernd auch gegenüber meinem Umfeld schnell gefunden. Das Kind schlief nicht, das Kind trank nicht richtig, das Kind liess sich von niemandem anfassen, das Kind liess sich nicht ablegen... Warum also sollte ich nicht ab und an daran zweifeln, ob ich die richtige Entscheidung getroffen hatte. 

 

Das Hexlein wurde älter, Vieles spielte sich ein, ich begann wieder zu arbeiten, sie schlief besser, sie liess sich ohne Abschiedsszene in die Kita bringen, genoss Vormittage mit dem Papa bei den Grosseltern... und der Wunsch nach einem zweiten Baby wurde stärker. Gesagt, getan und gesegnet wie wir sind, klappte es umgehend und nicht nur einfach, sondern doppelt.

 

Die Zwillinge wurden geboren. Zu früh, aber gesund und munter. Sie schrien viel und wurden ruhiger, sie wurden ernsthaft krank und wieder gesund,... Alles wundervoll! Die Erwartung an mein/unser Glücklichsein war von allen Seiten omnipräsent und irgendwie auch nachvollziehbar. Und trotzdem war ich es wieder nicht. Ich liebte meine Mädchen, meinen Mann, unser Leben... Aber erfüllt und glücklich fühlte ich mich nicht. Ich blieb still. So unmissverständlich wurde mir klar gemacht, dass man wohl meine Erschöpfung angesichts dreier so kleinen Kinder anerkenne, aber keinesfalls diese unglaubliche Undankbarkeit in Angesicht dieses unfassbaren Glücks nicht glücklich zu sein. Ich litt an der ganzen Umstellung - von einer selbstbewussten, gepflegten arbeitstätigen Frau hin zu einer mittags noch im Pyjama und ungeschminkten, verzweifelten und überforderten Hausfrau und Mutter. 

 

Ich glaube, es war eine weitere durchwachte Nacht neben unruhigen Kindern, als ich per Zufall auf ein Interview mit Sarah Fischer, Autorin des Buches "Die Mutter Glück Lüge" stiess. Beim Lesen fühlte ich mich plötzlich verstanden. Aufrichtig und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, schildert die  Autorin ihre Gefühle gegenüber ihrer Mutterschaft. Sie liebe ihre zweijährige Tochter - aber sie bereue es Mutter geworden zu sein, sagt sie. Denn noch immer ist das Leben als Mutter mit vielen beruflichen und persönlichen Einschränkungen verbunden. Väter haben es da leichter. Frauen aber werden in die Mutterrolle gezwängt und zu einer Art aufopfernder Dienstleistern, deren eigene Bedürfnisse bedeutungslos los sind. Und als wäre das noch nicht genug, sollen sie darüber auch noch glücklich sein, denn Mutter zu sein ist erfüllend - wer anders empfindet, gilt als selbstsüchtig oder als Rabenmutter.

 

In dem Moment habe ich begriffen und für mich persönlich entschieden, dass ich also selbstsüchtig und eine Rabenmutter bin. Jawohl! Ich liebe meine drei Mädchen über alles und bin nach wie vor regelmässig überwältigt von dieser innigen und unübertrefflichen Liebe zwischen Mutter und Kind. Aber und das ist jetzt ein fettes ABER: Ich vermisse mich und ich kann nun heute ohne schlechte Gefühle sagen, dass mich das Muttersein alleine nicht erfüllt. Ich sehe mich vielschichtiger und vielseitiger, als mein restliches Leben in der Rolle der Mama und Hausfrau mein Dasein zu fristen. Ich bin mehr, ich will mehr und ich brauche mehr!

 

Seither befinde ich mich in einem Prozess zurück und hin zur Akzeptanz. Für mich zu akzeptieren, dass mein längster und innigster Wunsch doch nicht das ist, was mich zu absolut erfüllendem Lebensglück führt und Akzeptanz anderer, dass nicht jede Mama vorbehaltlos glücklich ist. Und der Prozess zurück zu mir, zu meinen Bedürfnissen, zu anderen Rollen und Bildern und das alles in Vereinbarkeit mit meinen drei wunderbaren und über alles geliebten Hexlein.

 

Wissenschaftliche Studien zeigen übrigens, dass sich kinderlose Paare im Vergleich mit Paaren in ähnlicher Lebenssituation aber mit Kindern zufriedener und glücklicher sehen. Allerdings wendet sich das Blatt, sobald die Kinder erwachsen sind. Ihr seht, ihr dürft noch hoffen, dass ich doch noch - lieber spät als nie - zur vollkommenen Mama werde...

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Mimi (Donnerstag, 20 April 2017)

    Genau so fühle ich mich im Moment auch, nach 3 Jahren 100% Mami sein...

  • #2

    susan ponti (Donnerstag, 20 April 2017 15:52)

    schön geschrieben.. und deine gefühle und hoffnungen kommen wunderbar zum ausdruck!
    ich wünsche mir für dich dass du irgendwann irgendwie deine vollkommene zufriedenheit erreichst - wenn es die überhaupt gibt ;)
    wir befinden uns in einer ähnlichen situation, scheinen aber ganz anders zu fühlen..
    danke für den eindruck in deine gedanken!
    hoffentlich bis gli �