Meine Mädchen dürfen fluchen...

"Das isch doch än verdammte Schissdräck!", schimpfe ich vor mich hin und kaum sind mir die bösen Worte entschlüpft, ruft mein Liebster aus dem Wohnzimmer: "Spraaaach!!!". Jetzt bin ich noch verärgerter und kann nicht anders, als zu wiederholen: "Isch doch wahr, isch doch eifach numä än Schissdräck!". Ich sehe ihn den Kopf schütteln...

 

Ich drücke mich sehr gerne gewählt aus und mag das Spiel mit der Sprache. Spezielle und wohlklingende Worte zu finden, mit Satzstellungen und Fremdwörtern zu jonglieren, das liebte ich schon immer und ich glaube, es liegt mir auch. Ich fluche aber auch unheimlich gerne. Und zwar so richtig! "Sternefüfinomol" hat einfach schlicht nicht die gleich befreiende Wirkung wie "Gopfverdammi" oder "Verfickti Scheisse". Unanständige Flüche erlösen tief drin. Sie lindern Schmerzen und sie beruhigen. All die gesellschaftlich akzeptierten und erlaubten Auswege fühlen sich an, als müsste ich beim Pinkeln in der Hälfte aufhören oder als schliefe mein Bettpartner kurz vor meinem ersehnten Höhepunkt einfach ein. Es ist nicht befriedigend!

 

Sobald die eigenen Kinder zu sprechen beginne, überdenken die meisten Eltern ihre eigene Sprache. Zumindest jene, welche nicht so hervorragend erzogen sind, dass sie sich grundsätzlich keiner Kraftausdrücke bemächtigen. Wobei eigentlich die Bemühungen der Eltern sich einer anständigen Sprache zu bedienen, um nicht in peinliche Situationen geraten, weil der Nachwuchs irgendwo in der Öffentlichkeit sein Repertoire an Schimpf- und Fluchwörtern zum Besten gibt, völlig müssig sind. Denn allerspätestens im Kindergartenalter werden uns unsere wohlerzogenen Sprösslinge mit erstaunlichen Ausdrücken beglücken.

 

Und Fluchen macht Kindern Spass. oft erweisen sie sich als wahre Wortakrobaten und kreieren die erstaunlichsten Kombinationen. Und vor allem Kleinkinder besitzen eine ausgeprägte Neigung zur Fäkalsprache. Mit Schimpfen und Fluchen entdecken Kinder die Macht der Sprache. Eltern, Grosseltern, Freunde können mit einem einzigen Ausdruck aus dem Gleichgewicht gebracht und verärgert werden. Was könnte also für ein kleines Kind spannender sein, als es gleich nochmals auszuprobieren.

 

Ich gebe, nicht ohne ein leichtes Schamgefühl nun zu, dass eines der ersten deutlich erkennbaren Worte meines grossen Hexleins ein wütendes und lautes "Ssseissseeee" war. Wir haben uns darüber amüsiert und der Sache keine weitere Bedeutung geschenkt. Und bisher, trotz Kinderkrippe und Spielgruppe sind Ausdrücke wie "Du bisch gemein!", "blödi Mama" oder "Menno Maus" im Ranking der Kraftausdrücke ganz oben. Vielleicht ist mein Weg - selber gerne zu fluchen und meine Kinder nicht wütend zurecht zu weisen, sollte ihnen ein verbotenes Wort entschlüpfen - gar nicht so falsch. Es macht fluchen normal und uninteressant. 

 

Schimpfen und fluchen ist ein wichtiges Ventil. Eine Möglichkeit zu signalisieren, dass man wütend ist. Alle Völker dieser Welt fluchen. Und besser, man äussert seine Wut mit Worten, als körperliche Taten einzusetzen oder seine Ärger ständig zu schlucken. Letzteres führt unter Umständen zu Aggressionen gegen sich selber. Zudem, wer nicht wütend sein darf, kann sich auch nicht wieder beruhigen. Kann keine Strategien erlernen, mit seiner Wut umzugehen und Auswege daraus zu finden. Genau wie, wer nie streitet oder in einer Familie lebt, in der Streitigkeiten zum Beispiel zwischen den Eltern nur im Versteckten stattfinden, auch nicht erfahren kann, wie schön und wichtig eine Versöhnung ist. Dürfen Kinder schimpfen und fluchen und streiten, erfahren sie die Macht ihrer Worte und gleichzeitig lernen sie auch, wie man sich wieder entschuldigt, sich wieder versöhnt und finden verschiedene Wege mit ihrem Ärger umzugehen.

 

Mein Mädchen dürfen schimpfen. Sie dürfen fluchen. Grenzen ziehe allerdings auch ich da, wo Menschen persönlich beleidigt und diskriminiert werden. Denn, ich wünsche mir laute, offene, quirlige, emotionale "Ronja Räubertöchter". Aber keine respektlosen beleidigenden Zeitgenossinnen.

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