Mama und Beruf: Muss ich? Darf ich? Soll ich? Kann ich?

So, jetzt habe ich es mir lange genug verkniffen, etwas zu diesem Thema zu schreiben... 

 

Seit Mitte der Schwangerschaft mit den Twin-Hexlein bin ich zu Hause. Obwohl mir immer absolut klar war, dass ich meine Berufstätigkeit niemals aufgeben werde, bin ich jetzt seit bald drei Jahren 100% Mutter und Hausfrau. Und ich bin es nicht freiwillig und damit auch nicht wirklich glücklich. Aber ich musste feststellen, ich lebe in einem mütterunfreundlichen, wenn nicht sogar mütterfeindlichen Land. Oder, in einem Land, welches nicht weiss, wohin denn seine Mütter nun gehören sollen beziehungsweise, was ihr Platz in der Gesellschaft ist.

 

Mit harter Arbeit habe ich eine gute, eine sehr gute Ausbildung erreicht. Ich habe Matura gemacht, einen Fachhochschulabschluss, verschiedene kleinere und grössere Weiterbildungen besucht und war acht Jahre lang berufstätig. All das liegt nun brach, weil ich es mir nicht leisten kann, arbeiten zu gehen. Stattdessen leiste ich völlig unentgeltliche Fronarbeit im strengsten Job überhaupt und kriege dafür noch nicht mal ehrliche Wertschätzung der Gesellschaft. Frauen sind mit diesen Muttergenen und Mutterhormonen ausgestattet und darum haben sie ihre Aufgaben mit Links zu bewältigen und verdienen dafür nicht auch noch spezielle Anerkennung. Zudem werde ich gefühlt von der Hälfte der anderen Mütter belächelt und von der anderen Hälfte beneidet. Offenbar wissen selbst die Mütter selber nicht, was sie denn nun sollen oder müssen.

 

Obwohl dem Bund "bereits" 1945 die Kompetenz zur Errichtung einer Mutterschaftsversicherung übertragen wurde, dauerte es ziemlich genau 60 Jahre, bis das Schweizer Stimmvolk am 26. September 2004 mit verhaltenen 55,4 Prozent endlich Ja zu einem bezahlten Mutterschaftsurlaub sagen konnte. Als die Revision der Erwerbsersatzordnung folglich auf den 1. Juli 2005 in Kraft trat, war die Schweiz das letzte Land in Europa, welches sich schlussendlich doch noch zu einer Lohnfortzahlungspflicht für Mütter durchringen konnte. Anspruchsberechtigt sind jedoch nur Mütter mit einem Erwerbseinkommen, weshalb man auch nicht von einer Mutterschaftsversicherung sprechen kann, sondern es als eine Erweiterung der Anspruchsberechtigten der Erwerbsersatzordnung anschauen muss. Ja stimmten damals vor allem städtische Gebiete, die Romandie und, wen wundert es, sämtliche Parteien ausser die eine. Gerade gut ausgebildete Frauen würden keinen Lohnersatz benötigen, erklärte die damals gerade 26-jährige und kinderlose Jasmin Hutter, Nationalrätin aus dem Kanton St. Gallen und Mitglied eben dieser ablehnend eingestellten Partei. Und "Je mehr erwerbstätige Frauen es geben wird, desto weniger Kinder werden sie zur Welt bringen." Immerhin war die Dame konsequent genug aus der Politik auszuscheiden, als sie selber Mutter wurde. Ob sie auch genügend Grossherzigkeit besass um das absolut nicht nötige Geld aus der Mutterschaftsversicherung abzulehnen oder mindestens für ihr Kind auf ein Sparkonto zu legen...

 

Nun denn, immerhin für 14 Wochen erhalten erwerbstätige Mütter nun also 80 Prozent ihres Lohnes bezahlt, bevor sie dann wieder vollumfänglich ins Berufsleben zurückgehen müssen. Wer selber Kinder hat, der weiss, wie rasch die Zeit vergeht und wie klein ein Baby mit knapp vier Monaten noch ist. Aber bitte, es soll ja nicht allzu gemütlich werden, für die Mütter, schliesslich gehören sie sowieso nicht ins Berufsleben, sondern heim zu Kind und Herd. Wer das aus finanziellen Gründen nicht kann, ist sehr zu bedauern. Wer es nicht will und sich tatsächlich freiwillig der Doppelbelastung Arbeit-Kind stellt, wird direkt der Fraktion der Rabenmütter zugeteilt und soll dann aber keinesfalls jammern. Wer bekommt schliesslich schon den Fünfer und das Weggli.

 

Es ist statistisch nachgewiesen, dass noch immer der grösste Teil der Erziehungsarbeit und auch der Hausarbeit in der Verantwortung der Frauen respektive der Mütter liegt. Unabhängig davon, ob sie berufstätig sind oder nicht. Und auch wenn sich ein Vater noch so gerne mehr in diese Tätigkeiten einbringen würde, wird es durch die Arbeitswelt häufig verhindert. "Wählt" ein Paar mit Kindern die Variante Doppelverdiener sind es noch immer weit häufiger die Frauen, welche einer Teilzeiterwerbstätigkeit nachgehen, während die Männer weiterhin Vollzeit im Berufsleben verbleiben. Selbst eine lächerliche Reduktion von 10 bis 20% ist in vielen Branchen noch nicht mal diskussionswürdig. Entscheiden wir Frauen uns also für Kinder - und ja verdammt, dieser Drang liegt tatsächlich irgendwie in unseren Genen - entscheiden wir uns gleichzeitig mit hoher Wahrscheinlichkeit gegen eine berufliche Zukunft, welche man wenigstens ansatzweise als Karriere bezeichnen könnte. Wenn wir weiterhin berufstätig sind oder sein können, dann in irgendwelche niedrigen Teilzeitjobs ohne wirkliche Aufstiegsperspektiven. Unsere Gesellschaft besteht also aus Frauen, welche gelangweilt ihren brachliegenden Fähigkeiten hinterher trauern oder aber der Erschöpfung nahe mit der Doppelbelastung Kind und Beruf fertig werden müssen ohne auch nur annähernd an ihre "Vorkinderberufstätigkeit" anschließen zu können. Und das wirklich paradoxe dabei scheint mir, dass egal, wie wir uns auch entscheiden (müssen) weder mit Anerkennung oder Wertschätzung noch mit wirklich genügender Unterstützung zu rechnen ist. Wir werden Mütter, alles in unserem Leben verändert sich schlagartig und egal, wie wir unsere Rolle verstehen oder ausfüllen, ist es schlussendlich falsch. Aber immerhin bekommen wir am Muttertag einen Blumenstrauß und wer weiß, mit viel Glück sogar ein Frühstück ans Bett.

 

Muss oder möchte eine Mutter berufstätig sein, wird sie umgehend mit dem nächsten Problem konfrontiert. Da der Vater und sei er auch noch so willig, in den seltensten Fällen seine Berufstätigkeit reduzieren kann - oft genug verdient er erstens noch immer weit mehr als seine mindestens ebenso gut ausgebildete Frau und zweitens will kaum eine Branche teilzeitarbeitende Männer - muss eine Lösung für die Kinderbetreuung her. Nun denn, Kindertagesstätten schiessen wie Pilze aus dem Boden und da gibt es ja auch noch die Mütter, welche sich aus reiner Begeisterung und Freude an Kindern oder aber aus Verzweiflung, weil es ja sonst keine Möglichkeit gibt, Geld zu verdienen, als Tagesmütter anbieten. Könnte man meinen... Einen Platz in einer Kindertagesstätte zu finden, gleicht einer Lotterie. Am Besten lässt man sich auf die Warteliste setzen, lange bevor man sich entscheidet die Verhütung abzusetzen. Passiert einem ein Kind eher ungeplant, dann kann es einem wie uns gehen. Obwohl in angeblich weiser Voraussicht wir unser grosses Hexlein bereits im 4. Schwangerschaftsmonat und ergo noch geschlechtsunbekannt in zwei verschiedenen Kindertagesstätten anmeldeten, dauerte es bis in ihren 14. Lebensmonat und benötigte diverse und irgendwann eher unfreundliche Telefonate bis sie schliesslich endlich ihren Platz bekam. Und damit ist das Thema aber längst noch nicht beendet. Finanziert werden muss das Ganze schliesslich auch noch. Für alle, welche nicht gerade am Existenzminimum kratzen, sondern so wie wir, als geplante Doppelverdiener mit gut bezahlten Jobs zum gut lebenden Teil der Bevölkerung gezählt werden können, geht die "Milchbüechlirechnung" so gar nicht mehr auf. Im Endeffekt darf die Frau dann mit der Gewissheit zur Arbeit fahren, dass sie sich den ganzen Stress nur antut, um dem Kind die Kindertagesstätte zu finanzieren. Immerhin ein kleines Taschengeld wäre grundsätzlich schon motivierend... Aber schliesslich tut man sich ja was Gutes, wenn man arbeiten geht und man wollte es ja so. Da wäre es vermessen auch noch den Anspruch zu besitzen, auf finanzieller Ebene etwas davon zu haben.

 

2014 bekam die Schweizerin im Durchschnitt 1,52 Kinder. (Hey, mir fehlen lediglich noch 0,05 Kind um doppelt so viele zu haben wie üblich!) Seit 1975 ist diese Zahl ungefähr konstant. Und auf genau diese Kinderzahl - also eins bis maximal zwei - scheint unsere Gesellschaft eingerichtet. Wohnungen mit mehr als 4,5-Zimmern zu finden, ist praktisch unmöglich. Ein Hotelzimmer ist mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern voll belegt. Dass Mütter von ein bis zwei Kindern nebenbei noch arbeiten, ist mittlerweile tolerierbar. Wagt die fruchtbare Frau aber diese Kinderzahl zu überschreiten, stellt die Gesellschaft klar, wo ihr Platz ist. Denn, wer einmal auf die irrsinnige Idee gekommen ist, drei Kleinkinder in einer handelsüblichen Kindertagesstätte betreuen zu lassen, wird angesichts der horrenden Preise rasch wieder davon abkommen. Zumindest, wenn das Haushaltseinkommen gemäss den festgelegten Richtlinien vom alleinverdienenden Vater bestritten werden kann und die Mutter darum ihre Arbeitstätigkeit lediglich unter dem Prädikat "Hobby" zu verstehen hat. 

 

Da wird man also Mutter. Mit allem, was dieser Werdegang ebenso mitbringt - hartnäckige Kilos, verformte Brüste, Zebrahaut an Bauch, Po und Oberschenkel, fetten Augenringen (welche nicht aus verflossenem Make-Up bestehen) - und wird dann von einem Tag zum anderen mit der grössten Veränderung des eigenen Lebens konfrontiert, welche zudem auch noch unumkehrbar ist. Damit aber nicht genug. Spätestens nach Kind Nummer 2 oder 3 muss Frau sich also von den äusseren Umständen mitteilen lassen, dass jegliche ihrer ausserhäuslichen Tätigkeiten - sofern es sich um eine mit dem Anspruch Geld zu verdienen handelt - ab sofort völlig schwachsinnig, daher nicht anzustreben und in vielen Fällen sowieso nicht realisierbar sind. Unser System lacht Dich also quasi aus, solltest Du auch nur auf den Gedanken kommen, Du könntest für die Arbeitswelt nun noch von Bedeutung sein. Du hast ausgedient und darfst nun die kommende Generation der Arbeitnehmenden erziehen. Nun bist Du also Mutter und nichts mehr als Mutter. Dein Körper wird immer müder, Dein Hirn immer gelangweilter und Dein Bankkonto immer leerer. Weil hahaha, nach 14 Wochen hört der Geldfluss auf und entweder Du sitzt auf fetten Reserven oder aber hast einen reichen Gatten und freien Zugang zu all seinen Konten. Oder aber, Du wirst zwangsläufig irgendwann damit konfrontiert, dass Du Deinen Liebsten um etwas Taschengeld für Dich bitten musst. Herzlich Willkommen im Zeitalter der Gleichberechtigung von Mann und Frau!

 

Auch ich war dem Irrglauben erlegen, nach der Geburt der Zwillinge, nach Mutterschaftsurlaub und angehängtem unbezahlten Urlaub wieder an meinen Arbeitsplatz zurück zu kehren. Diesen Plan verfolgte ich auch tapfer, bis wir uns wagten und uns mit den harten Zahlen konfrontierten. Danach war der Traum mehr als ausgeträumt. Es war ein langer und harter Prozess- welcher ich im Übrigen noch immer nicht, wie sicherlich auch aus diesem Text herauszulesen ist - abgeschlossen habe.

 

Im Zeitalter von Blockzeiten in Kindergarten und Schulen, der Pflicht der Schulen während dieser Zeit Betreuung anzubieten, würde man meinen, sollte das Darben im häuslichen goldenen Käfig spätestens dann zu Ende sein, wenn das Schulsystem die Kinderlein einverleibt hat. Leider bin ich auch hier einem Irrglauben aufgesessen. Knapp zusammengefasst: Das grosse Hexlein wird ab dem Sommer nun also in den Kindergarten gehen. Einmal pro Woche auch am Nachmittag. Idealerweise kombiniert die Mama also die Pläne der Zwillinge mit diesem Stundenplan und so meldete ich die beiden Kleinen für eben diesen Nachmittag in die Spielgruppe an. Umgehend auch die künftige Kindergärtnerin für den Mittagstisch an diesem Tag, da ansonsten die Planung zeitlich nicht aufgehen kann. Schliesslich kann ich unmöglich drei Kinder zur gleichen Zeit an zwei verschiedene Orte geleiten. Meine euphorische Stimmung - dann also endlich einen Nachmittag zu haben, den ich in meine berufliche Zukunft investieren kann - wurde kurz darauf abrupt ausgebremst, als ich schriftlich mitgeteilt bekam, dass aufgrund der hohen Zahl an angemeldeten Kindern, der Mittagstisch jenen vorbehalten sei, welche ihn mehr als einmal besuchen. Und natürlich, die Anmeldefrist ist längst vorbei.

 

Liebes System, liebe Gesellschaft, liebe Politik... Ich habe nun verstanden, dass ich als Mutter dreier - noch kleiner - Kinder in der Berufswelt nichts mehr verloren habe. Zumindest nicht in der, in der ich einst war. Ich verstehe aber nicht, warum ein Land wie das unsere ohne mit der Wimper zu zucken so viel Kapital brach liegen lässt und sich gleichzeitig darüber beklagt, dass es an inländischen Fachkräften mangelt. Dass viel Geld investiert wird, uns Ausbildungen zu ermöglichen. Welche wir dann ergo ein paar Jahre später zugunsten unserer Kinder eh nicht mehr einsetzen können. Dass uns verunmöglicht wird, unsere finanzielle Unabhängigkeit - und somit auch die unserer Kinder - zu erhalten, nur um dann wieder lautstark über all die oftmals alleinerziehenden Sozialschmarotzerinnen herzuziehen. Da gibt es noch so Vieles, was ich nicht verstehe. Was mich unglaublich wütend macht. Mich an mir zweifeln lässt. Und mir hoffentlich die Kraft gibt, mir zu beweisen, dass mehr möglich ist, als ich aktuell glaube.

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