Befreien wir unsere Kinder!!!

Die Welt ist schön. Die Welt ist bunt. Und gerade für (kleine) Kinder unendlich gross, spannend und voller Überraschungen. Kinder sind von Natur aus neugierig und irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem sie diese Welt ohne ihre Eltern an der Hand entdecken wollen. Sie suchen Freiräume, suchen Herausforderungen und betreten dabei eines der besten Lernfelder überhaupt, um zu durchsetzungsfähigen und selbstbewussten Persönlichkeiten zu reifen.

 

Mein grosses Hexlein war knapp drei Jahre alt, als wir in unsere Villa kunterbunt einzogen und sich ihr damit eine 800qm grosses Paradies eröffnete. Ein wilder und hügeliger Garten voller Bäume, Tierchen, Blumen, Steine. Ich - dauerbeschäftigt mit zwei kleinen Babies - öffnete ihr morgens die Türe und weg war die kleine neugierige Entdeckerin. Und sie war glücklich, zufrieden und stolz! Etwa im gleichen Alter beschloss sie, dass sie nun selber in die Kinderkrippe spazieren möchte. Gewünscht, gesagt, getan. Zumindest teilweise... Und so suchten wir nach kleinen Abkürzungen, welche sie selbstständig bewältigte und danach selig strahlte.

 

Kinder suchen und brauchen Freiräume, unbeobachtete Rückzugsorte, Herausforderungen, welche sie selbstständig mit etwas Mühe bewältigen können. Aber... Unsere erwachsene Welt ist böse, gefährlich, dreckig,... Wir organisieren die Welt unserer Kinder bis ins Detail. Wir schützen sie vor Herausforderungen aus Sorge, sie könnten scheitern. Wir überwachen sie ständig aus Angst, es könnte ihnen etwas passieren. Oder, weil wir fürchten, dass man uns Vernachlässigung vorwerfen könnte. Wir beschäftigen sie mit Musikkursen, Ballettunterricht, geführtem Kinderturnen und fördern sie mit Sprach- und Malkursen, weil sie sich nicht langweilen sollen und weil wir fürchten, sie könnten irgendwo etwas verpassen.

 

Unsere Kinder wachsen heute ganz anders auf, als wir es noch aus unserer eigenen Kindheit wahrscheinlich kennen. Wir kamen aus Kindergarten und Schule nach Hause, füllten unsere hungrigen Bäuche und waren weg. Irgendwo draussen, im Quartier, im Dorf, in der Strasse. Alleine oder in Gruppen, oft im Anhang die jüngeren Geschwister. Wir kletterten auf Bäume und manchmal wieder herunter, bauten Höhlen im Gebüsch und Baumhäuser. Rannten barfuss über Wiesen, sammelten Schnecken und anderes Getier, kletterten auf Hausdächer, machten Klingelspiele und spielten Streiche. Schleppten Taschenmesser und Zündhölzer mit uns herum. Pflückten Blumensträussen und verkauften sie unseren Nachbarn. Klauten den Hühner Federn, bemalten uns mit Dreck und waren Indianer. Sammelten heimlich Tannenzapfen und bewarfen aus dem Hinterhalt die gegnerischen Nachbarskinder. Fitzten mit Schlitten im Winter oder mit Rollbrett im Sommer bäuchlings die Quartierstrasse hinunter. Eine wilde, natürliche, spannende und herausfordernde Kindheit. Heute ist der Aktionsradius in fast allen Familien deutlich enger geworden. Wo früher Freiräume waren, sind heute gezielte Freizeitbeschäftigungen, welche Kinder beaufsichtigt fördern sollen. Sportliche Erfolge machen stolz, ganz klar, aber sie fördern nicht das eigenständige Lösen alltäglicher Herausforderungen und Probleme. Ich kann das! bezieht sich nur noch auf einen Teilbereich und nicht mehr auf das komplette Selbstverständnis eines Kindes.

 

Die Eltern schränken nicht nur ihre Kinder in ihren Freiräumen ein, sondern auch die Eltern sich gegenseitig. So beschweren sich andere Mütter darüber, dass meine Tochter gemeinsam mit ihrer Freundin mit etwas Abstand hinter der Gruppe und den Leiterinnen aus dem Wald zurück spaziert. Wird sie mehrfach angesprochen und gefragt, wo denn ihre Mama sei, wenn ich sie die Quartierstrasse hinunter vorgehen lasse. Werde ich als unverantwortlich geschimpft, weil sie schon seit Längerem eine richtige Schere in ihrem Zimmer hat, alleine durch den Garten streift oder mit einem richtigen Küchenmesser Gemüse schneidet. Ganz ehrlich? Ich ärgere mich oft, dass ich manchmal den Mut nicht habe, ihr noch einen grösseren Radius zu lassen. Es schmerzt mich auch, dass meine Mädchen die Möglichkeit zu mehr Freiräumen nicht mehr haben.

 

Meine Hexlein haben mich gelehrt, dass auch kleine Kinder viel mehr können, als wir ihnen zutrauen und dass es für sie kaum etwas Schöneres gibt, als sich und der Welt zu beweisen, was sie schon alles meistern. Und sie brauchen unser Vertrauen in ihre Fähigkeiten! Sie müssen wissen, dass wir an sie glauben und, dass wir da sind, wenn sie uns oder unsere Hilfe brauchen. So freue ich mich darauf, mein grosses Hexlein schon bald morgens alleine das Haus verlassen zu sehen und mir auszumalen, was sie auf ihrem Weg in den Kindergarten alles erlebt. Während einige andere Eltern sich darüber austauschen, mit welchen Sendern man die Kinder ausstatten könnte... Befreien wir unsere Kinder lieber zu mehr Selbstbewusstsein, anstatt sie ständig zu überwachen. Ich glaube, sie können das.

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Kommentare: 2
  • #1

    susan ponti (Donnerstag, 04 Mai 2017 14:25)

    wunderbar �

  • #2

    Claudi (Donnerstag, 04 Mai 2017 23:06)

    Musste weinen als ich deinen Text gelesen habe....

    Heute gerade erst in der besten Meile von HH unterwegs gewesen....

    Da werden sie geschoben die gut gestylten Bugaboo Kinderwagen...

    Da werden schon die ganz Kleinen an der Hand durch die bunte Welt der Coffeeshops gezogen....

    Man übersieht es schnell, das Kinderlachen...

    Kinder sind heute mehr denn je Prestigeobjekte....