Wer A sagt, muss auch B sagen...

In meinem Text "Mama und Beruf: Muss ich? Darf ich? Soll ich? Kann ich?" habe ich mich ausführlich beklagt, mich selber bemitleidet und meinen Frust und meine Wut verdeutlicht. Darum und primär um nichts anderes, ging es mir dabei. Die Rückmeldung - dass konstruktive Lösungsvorschläge vermisst werden - kam folglich nicht überraschend und wer mich kennt, der weiss, dass ich selten nur jammere, ohne mir Gedanken zu machen, wie ich die zu beklagende Situation verbessern könnte. Und weil wer A sagt, auch B sagen muss, möchte ich dazu nun auch noch etwas schreiben.

 

Vorneweg, ich bin keinesfalls undankbar! Im Gegenteil, ich bin sehr dankbar, dass meine Kinder in einem Land wie der Schweiz aufwachsen dürfen. In Sicherheit, eingebettet in ein hervorragendes Bildung- und Gesundheitssystem, in einer Wohlstandswelt voller Kleidung, Nahrung und ganz viel Vergnügen. Ich bin dankbar für all die Freiheiten und Wahlmöglichkeiten, welche wir geniessen. Auch ist mir bewusst, dass zahlreiche Mütter gerne an meiner Stelle wären. Jene Mütter zum Beispiel, die sich tagtäglich von ihren Kindern verabschieden müssen, um zu arbeiten, damit die Familie irgendwie über die Runden kommt. Insofern weiss ich, dass ich auf sehr hohem Niveau jammere.

 

Ich erinnere mich an die Studientage während meiner Ausbildung als es um die Gender-Thematik ging... Ich war etwas über 20ig, fühlte mich frei, unabhängig und die Welt lag mir zu Füssen. Mit mir im Kurs waren auch einige Frauen um die 50ig. Frauen, die hart gekämpft hatten, um für meine Generation dieses eben beschriebene Gefühl zu erreichen. Auch als Frau selber entscheiden, selber wählen zu können und nebst Mama, Ehefrau und Hausfrau zu werden, noch tausende andere Optionen zu haben. Ich erinnere mich, wie jene Frauen heimlich ihre Fäuste in der Hosentasche ballten, wenn wir, die jüngere Generation ganz unbeschwert erzählten, dass wir in unseren Beziehungen - ganz traditionell - den grossen Teil des Haushaltes erledigten oder hauptsächlich fürs Kochen zuständig seien. Wir hatten uns ja - gewohnt an das Gefühl wählen zu können - selber dafür entschieden und verstanden die Verständnislosigkeit gepaart mit Ärger überhaupt nicht. Jetzt, Jahre später, fange ich langsam an zu begreifen...

 

Die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist zwar schon weit fortgeschritten, aber noch lange nicht am endgültigen Ziel. Noch immer verdient man vor allem in typischen Frauenberufen deutlich weniger als Männer in vergleichbaren Positionen. Auch Teilzeitarbeit bleibt in typischen Männerberufen oder traditionsgemäss männerlastigen Arbeitsbereichen eher Wunschdenken als Realität. Für mich beispielsweise zwei gewichtige Gründe, warum noch immer meistens die Frau aus dem Berufsleben ausscheidet, wenn sich ein Paar für Kinder entscheidet. Nach wie vor kämpfen wir vergeblich für einen nennenswerten Vaterschaftsurlaub. Die meisten Betriebe gönnen ihren männlichen Mitarbeitern bei der Geburt eines Kindes genau soviel "Urlaub", wie wenn sie umziehen würden oder ein naher Angehöriger verstirbt. Der Arbeitgeber meines Mannes galt da schon als fortschrittlich, weil mein Liebster jeweils fünf Arbeitstage frei bekam. Wie wäre es denn mit einem Modell, wie es beispielsweise in Deutschland ist, bei dem die Eltern sich entscheiden können, wer nach der Zeit des Mutterschutzes mit dem neuen Erdenbürgerlein zu Hause bleibt?Klar, würde ein Vater seine Anstellung kündigen und Hausmann werden, wäre dies auch möglich. Und da wären wir wieder beim oben genannten Problem. Was die umfassende Gleichberechtigung von Mann und Frau sei es im Bezug auf Lohn oder auf Wahlfreiheit anbelangt, da muss noch immer viel passieren.

 

Die Zahl der angebotenen Kinderbetreuungseinrichtungen hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Trotzdem, wer wieder arbeiten muss oder möchte, muss sich mit der Thematik weit vor der Geburt des künftigen Kindes auseinandersetzen. Stehen insbesondere freie Krippenplätze und Babies auf der Warteliste noch immer in keinem Verhältnis. Schlussendlich wählen viele Eltern nicht die Betreuungsvariante für ihre Kinder, mit denen sie sich am Wohlsten fühlen würden oder hinter der sie aus verschiedenen Überlegungen am Meisten stehen, sondern schlicht einfach jene, welche zur Verfügung steht. Wer sich negativ dazu äussert, wird oft auf die Familie verwiesen. Das familiäre Netz steht aber meist nicht mehr zur Verfügung heute. Grosseltern sind entweder selber noch beruflich aktiv oder aber, weil Eltern immer älter werden, schon zu betagt, um sich umfassend um kleine Enkelkinder kümmern zu können. Zudem führt die starke Mobilität dazu, dass die neuen kleinen Familien oft weit weg von ihrem Herkunftsort leben. Grosse Betriebe müssten meiner Meinung nach beispielsweise dazu motiviert werden, eigene Kinderbetreuungsmöglichkeiten für die Kinder ihrer Angestellten anzubieten. Dies wäre in vielerlei Hinsicht eine Win-Win-Situation. Die Eltern würden sich komplizierte Umwege, um die Kinder morgens zu bringen oder abends zu holen sparen können, die Betreuungszeiten könnten individuell an die Bedürfnisse des jeweiligen Betriebes angepasst werden, eine Firma könnte rasch wieder auf ihre Angestellten zählen, weil die Kinderbetreuung gesichert wäre... Auch die Finanzierung einer externen Kinderbetreuung ist eine grosse Hürde. Wer nicht zwingend auf ein zweites Einkommen angewiesen ist, verfügt oftmals über ein Haushaltseinkommen, welches die Familie auch von sämtlichen Subventionen ausschliesst. Und so überlegt sich wohl manche Frau, ob sie sich der Doppelbelastung Beruf und Familie lediglich für ein Taschengeld oder gar nur zur Finanzierung der Kinderbetreuung aussetzen möchte. Ich bin aber der Meinung, externe Kinderbetreuung darf kein Luxusgut sein. Sondern sollte so gestaltet werden, dass sie Mütter und Väter drin unterstützt weiterhin ein wertvolles Mitglied der Berufswelt zu sein. Denn hierbei geht es ja auch darum, sich für die Zukunft für den Arbeitsmarkt attraktiv zu halten.

 

Entscheidet sich eine Mutter zugunsten von Kindern und Familie zumindest vorübergehend aus der Berufswelt auszusteigen, ist sie ab sofort komplett auf sich alleine gestellt. Sie wird finanziell komplett abhängig vom Vater der Kinder oder von erarbeiteten Reserven. Und ist ebenso alleine für sämtliche Bemühungen, nach der Familienzeit wieder in eine Arbeitstätigkeit einzusteigen verantwortlich. Kurse, Weiter- oder Ausbildungen, welche sie beispielsweise in dieser Zeit zum Erhalt ihrer Marktattraktivität absolviert, müssen finanziell getragen werden können. Und die in dieser Zeit nötige Kinderbetreuung kann schlussendlich nicht einmal von den Steuern abgezogen werden. Im Gegenteil, schlussendlich wird eine Frau beschimpft und an den Rand der Gesellschaft gestellt, wenn sie nach jahrelanger Familienzeit den Einstieg nicht mehr schafft und durch verschiedene Gegebenheiten vielleicht dann nicht mehr in der Lage ist, sich und die Kinder finanziell selbstständig zu versorgen. Ich bin mit 30ig und 32ig Mutter geworden. Bleibe ich nun ein paar Jahre zu Hause, liegen noch immer gut 30 Jahre Arbeit vor mir. Ich bin darum der Meinung, Mütter sollten vielmehr darin unterstützt werden, sich auch während einer Familienphase am Ball halten zu können, um später einfacher den Wiedereinstieg zu schaffen. Oder auch, um für den Notfall gewappnet zu sein, aufgrund eines Ausfalls des "Ernährers", dessen Rolle einnehmen zu können.

 

Dass der Staat, das System oder die Gesellschaft nicht alles regeln kann (und im Übrigen auch nicht soll) ist mir absolut klar. Aber, ich kann die Rechnung nicht nachvollziehen. Da wird so viel Geld in die Ausbildung zahlreicher Frauen investiert und schlussendlich eher dagegen gearbeitet, dass diese ihre Fähigkeiten auch auf den Markt bringen können. Das ist schade, frustrierend und im Endeffekt doch einfach eine Verschwendung von Ressourcen. Denn ich behaupte, gerade auch die Erfahrung Mutter zu werden und Mutter zu sein, erhöht die Qualifikation einer Frau in verschiedenen Bereichen zusätzlich.

 

Zum Abschluss kritisiere ich aber auch mich und meinesgleichen... Wären wir Mütter nicht in vielen Belangen so fürchterlich kompliziert und irgendwie unflexibel, wäre wohl viel mehr aus unserem eigenen Antrieb möglich. Auf brutale Weise auf uns selber zurückgeworfen, werden wir zu klammernden Einzelkämpferinnen und verlieren jeglichen Blick für Alternativen und Flexibilität. Wir sollten unseren starren und lediglich auf unsere Kinder gerichteten Blick wieder öffnen und auch den Mut und die Abenteuerlust haben, uns auf unkonventionelle Lösungen einzulassen. Zusammen erreicht man mehr und seien es nur vermeintliche Kleinigkeiten.

 

Was ich sage, ist nicht von A bis Z durchdacht und an diversen Stellen, könnte man ein "aber" einfügen. Hätte ich einen fundierten und ausgefeilten Lösungsplan, ginge ich wohl in die Politik ;-). Es sind Gedanken, welche auf meinen Erfahrungen basieren. Ich versuche für mich selber meinen Weg zu finden. So leisten wir uns beispielsweise aktuell zwei Tage Kinderkrippe für die Zwillingshexlein - aus verschiedenen Überlegungen - und verzichten dafür auf anderes. So suche ich einen Weg zurück in die Arbeitswelt, in dem ich im letzten Jahr eine Ausbildung gemacht habe und versuchen werde, mich damit irgendwie selbstständig zu behaupten. Aber aktuell kostet dieser vermeintliche Einzelkampf oft sehr viel Energie...

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Kommentare: 2
  • #1

    Sisterd (Freitag, 05 Mai 2017 07:57)

    Puh, da bin ich aber froh in Deutschland zu leben, wenn ich das lese. Auch wenn es hier viel zu wenig Kindergartenplätze gibt, hat man zumindest einen rechtlichen Anspruch, den man geltend machen kann um frühzeitig ins Berufsleben zurück zu finden! Finanziell würde es gar nicht gehen von nur einem Gehalt zu leben-zumindest nicht aktuell mit Hauskredit etc.
    Ich finde du solltest tatsächlich überlegen in die Politik zu wechseln;-)
    Liebe Grüße aus Deutschland!

  • #2

    susan ponti (Freitag, 05 Mai 2017 15:34)

    gute überlegungen, wichtiges thema, und auch einige "aber".. die ich hier nicht vertiefen möchte.
    solltest du in ein paar jahren wieder arbeiten gehen, stehst du vor ähnlichen herausforderungen, zb auffangszeiten des kindergartens!
    meine berufstätigen mütter-freundinnen wissen nicht wie sie es lösen sollen, wenn kiga so spät beginnt und die arbeit schon vorher ruft!
    werden hier horte gefordert und unterstützt, gut und recht.. doch was ist dann mit den müttern die ihre kinder selbst betreuen und somit keine unterstützung erhalten?
    auch hier gäbe es noch viel zu regeln beim thema gleichberechtigung..