Facebook - der Mütter (Sozial-)Leben

Jahrelang gehörte ich zu den Exoten, welche weder über einen Facebook-Account verfügten, noch täglich sämtliche Tätigkeiten (oder Untätigkeiten) auf Instagram teilten oder mit hochinteressanten Mitteilungen auf Twitter auf Aufmerksamkeit hofften. Dann wurde ich Mutter. Und nochmals Mutter. Hauptberuflich Hausfrau. Und Mitglied von Facebook...

 

Mit der Geburt des grossen Hexleins hatte sich auch mein Sozialleben erstmal verabschiedet. Zwar war ich noch immer mitten in der Nacht stundenlang wach, tanzte allerdings zu imaginärer Musik mit Baby auf dem Arm kilometerlange Strecken durch den Flur, statt mit Freunden und Bier in der Hand in irgendeinem Club. Telefonieren verunmöglichte der kleine Schreihals mit ihrem Dauergebrüll, ebenso wagte ich mich irgendwann kaum mehr in ein öffentliches Verkehrsmittel oder überhaupt weiter als 500 Meter von zu Hause weg. Kamen Freunde erbarmungsvoll zu uns nach Hause, schrie sich das Hexlein komplett weg und beruhigte sich erst wieder, wenn die Mama sich gemeinsam mit ihr weit genug vom Besuch entfernt hatte. Als das grosse Hexlein dann doch irgendwann beschloss vom Menschenfeind zum Menschenfreund zu werden, produzierten wir zwei auf einen Streich und ab dem Zeitpunkt reduzierten sich meine Sozialkontakte auf ein "Grüezi" und "Danke" mit dem Paketboten. (Übrigens, wäre ich Postbote und gäbe es "Wetten dass..." noch, würde ich mich da anmelden und mich der Herausforderung stellen, anhand der Anzahl gelieferter Pakete in einen Haushalt die Anzahl der da lebenden Kinder unter fünf Jahren erraten zu können...)

 

Dafür hatte sich in dieser Zeit mein digitaler Horizont rasant erweitert. Auf Facebook hatte ich plötzlich 227 Freunde und wurde Mitglied in verschiedensten Gruppen - Flohmarktgruppen für Kinderkleider, Spielzeug, Möbel, Playmobil,... Gruppen für Mütter von Schreibabies, Gartengruppen, Zwillingsgruppen, Gruppen für und mit Reisetipps, diverse Müttergruppen und so weiter. Ich habe gerade gezählt. Mittlerweile sind es tatsächlich 79ig Gruppen. Jetzt  bin ich ein bisschen geschockt...

 

Statt in Bars, auf Konzerten oder an Partys trieb ich mich jetzt also zu Zeiten, in denen Nicht-Mütter schlafen oder feiern, in dieser digitalen Parallelwelt herum. Und ich habe mich geärgert, amüsiert, gefreut, ich habe mitgelitten, mitgefiebert und wurde getröstet. Irgendwie haben mich diese tausenden unbekannten Frauen über eine ziemlich einsame Zeit hinweg gerettet. Es war stets ungemein tröstlich zu jeder Zeit Mitten in der Nacht auf Leidensgenossinnen zu treffen und zu wissen, dass man nicht die einzige ist, welche am kommenden Morgen wie ein Gespenst vor dem Badezimmerspiegel stehen würde.

 

Es ist eine unglaublich solidarische Welt... Egal ob mittags oder um zwei Uhr morgens, stets sind Mamas da, welche mit Geduld und sicherlich zum 100sten Mal die Frage nach dem optimalen Kindersitz, dem besten Schuhgeschäft für Babys erste Schuhe, Erfahrungen mit Kinderarzt XY oder spannende Ausflugsziele fürs kommende Wochenende beantworten. Und egal ob in Not geratene Familien, Flüchtlinge oder Alleinerziehende, taucht jemand hilfesuchend auf, schwappt innert kürzester Zeit eine Welle der Solidarität über ihn. Als ob all die Mütter nicht täglich schon genügend Opfer bringen würden, sind sie offenbar stets bereit sich für alles und jeden einzusetzen und überall finden sich ausrangierte Möbelstücke, Kinderkleider, Schuhe für Männer, Lebensmittelpakete und ja, sogar finanzielle Mittel. Und auch wenn Mama A drei Stunden entfernt von Mama B wohnt, würde Mama A - wäre sie näher - sofort das kranke Baby von Mama B betreuen, weil Mama B einen wichtigen Termin hat. Hilft Mama B nun jetzt zwar nicht wirklich, aber irgendwie tröstlich ist es doch schon, innert fünfzehn Minuten von fünfzig Frauen zu hören, dass sie sofort helfen würden...

 

Es ist aber auch eine unglaublich bösartige und direkte Welt... Schnell lernte ich, da gibt es bestimmte Reizthemen, welche innert Sekunden zig Supermamas anziehen, wie Sch... die Fliegen.

 

In Facebook-Müttergruppen wird das Mama-Sein behandelt wie eine Weltreligion. Und man lernt rasch, es gibt auch hier Gebote und klare Regeln und vor allem tausende Predigerinnen, welche deren Einhaltung mit Argusaugen kontrollieren.

  1. Ein Kind schläft natürlich im Familienbett solange es das möchte und meistens noch etwas länger.
  2. Absolut klar, dass das Baby mindestens die ersten sechs Monate nur gestillt wird und "ich kann nicht stillen" gibt es nicht. Dafür gibt es ja schliesslich extra Stillgruppen.
  3. Ein Baby ist ein Tragling und wird ergo getragen und nicht im Kinderwagen geschoben. Achtung aber! Tragen ist nicht gleich tragen und der verteufelte Babybjörn kommt einer Kindesmisshandlung gleich.
  4. Ferbern ist das schlimmste Schimpfwort überhaupt.
  5. Leinen sind für Hunde, aber keinesfalls für Kinder.
  6. Übers Impfen wird nicht gesprochen! Und sowieso, medizinische Fragen aller Art (bis hin zu welche Sonnencreme für ein Baby ideal ist) gehören in fachkundige Hände und nicht zu allwissenden Müttern.
  7. Babybrei wird selbst gekocht und nicht gekauft.
  8. Mütter sind niemals müde, niemals hungrig und niemals krank. Und wenn doch, dann verstecken sie das und sind trotzdem immer ganz meditativ ausgeglichen.
  9. Ob man nun impft oder nicht impft - man redet und diskutiert nicht darüber.
  10. Egal was Du tust, fragst oder lässt, es gibt immer andere, die tuen, fragen oder lassen es besser. Und werden Dir das auch mitteilen.

Ich habe schnell gelernt, dass ich mich - ausser irgendwelchen neutralen Fragen zu möglichen Ausflugszielen oder Ähnlichem - besser still und zurückhaltend verhalte. Sämtliche wirklichen Probleme, Fragen oder Anliegen werden in diesen Mütterforen ziemlich schnell zu einer neuen Belastung. Ungefähr so:

 

A schreibt: "Meine Tochter, 2 Jahre, schläft unglaublich schlecht ein und ist nachts auch ständig wieder wach. Was kann ich tun, damit sie endlich besser einschlafen und vielleicht auch einmal durchschlafen kann. Ich bin erschöpft."

Das Forum antwortet (umgehend und x-fach):

Lass sie bei Dir im Bett schlafen, sie braucht offenbar Deine Nähe.

(A antwortet, dass sie da schon seit Geburt ist, deswegen nun ihr Partner ins Wohnzimmer ausgezogen ist und sie sich kaum mehr sehen, da sie eigentlich seit zwei Jahren mit ihrer Tochter ins Bett gehen muss.)

Geh mit ihr zur Osteopathie, Homöopathie, Kinesiologie,...

(A war da überall schon, leider ohne wirklichen Erfolg. Nun werden sicher zehn verschiedene Osteopathen, Homöopathen und Kinesiologen aufgezählt, die definitiv besser sind als jene, welche A mit ihrer Tochter besucht hat.)

Lass sie keinesfalls schreien!!!

(Und obwohl A sich nun mehrfach erklärt und wehrt und versichert, dass sie das niemals tut und getan hat, entfacht sich ein Shitstorm mit mindestens 20 Beteiligten, welche der armen A unterstellen, ihre Tochter hilflos schreiend im Bett liegen zu lassen...)

Und nun ist das Eis gebrochen und As Leben wird komplett auseinander genommen. Bestimmt ernährt sie ihre Tochter falsch. Garantiert würde es helfen, täglich und stundenlang mit dem Kind draussen zu verbringen, weil es so ja einfach nicht wirklich ausgepowert ist. Vielleicht ist auch der Papa und sein Umzug ins Wohnzimmer schuld, weil die Tochter ja die Spannung spürt und darum nicht schläft. Vielleicht aber auch hätte A ihre Tochter nicht impfen lassen sollen - an dieser Stelle erscheinen dann aus dem Nichts mindestens zwei Administratorinnen und gelingt es nicht, die Schar auf ein neues Thema umzulenken, wird der Beitrag für Kommentare gesperrt.

Wahrscheinlich liest die arme A längst nicht mehr mit. Sie ist jetzt nicht nur erschöpft und ratlos, sondern auch noch ihres kompletten Selbstvertrauens beraubt. Vielleicht löscht sie den Beitrag aus lauter Verzweiflung und wird damit aus der netten Mütterrunde gelöscht, weil gewöhnliche Fussvolk-Mitglieder ihre Beiträge auch zur Rettung ihrer Selbst nicht selber löschen dürfen. Die Administratoren haben für sich reserviert zu entscheiden, wie lange sich eine Mama einer solchen Vernichtung, ausgelöst durch eine einfache und von Erschöpfung und Ratlosigkeit motivierten Frage, aussetzen muss. Administratorinnen in Facebook-Müttergruppen sind so etwas wie Halbgötter in weiss, nämlich!

 

Wer Facebook-Müttergruppen regelmässig verfolgt, könnte meinen, das Gros der Mütter lebe im Facebook. Tatsächlich trifft man gewisse Personen zu fast jeder Tages- und Nachtzeit in praktisch sämtlichen Gruppen an. Meistens da, wo es gerade Popcorn gibt. Aber wehe, die gewöhnliche Mutter und Hausfrau wagt es mittags von 13:30 Uhr bis ca. 15 Uhr in ein und der selben Diskussion beteiligt zu sein... Weil hey, diese Zeit sollte man mit seinen Kindern verbringen, draussen in der freien Natur, damit die Kinder abends schön müde sind. Hast Du gut aufgepasst, A? Stimmt, ich nutze meine freie Zeit (meine Kinder schlafen nämlich) nicht gerade sehr sinnvoll. Aber ganz ehrlich, ausnahmsweise habe ich keine Lust darauf, zum dritten Mal heute das Haus zu saugen.

 

Ich habe mich schon mehrfach gefragt, warum ich mich nun seit bald fünf Jahren schon beinahe süchtig in diesen Gruppen aufhalte... Ich glaube, es ist eine Mischung aus fehlenden Sozialkontakten - Freunde lösen sich nämlich irgendwie in Luft auf, wenn man Kinder bekommt - verzweifelter und überforderter Ratlosigkeit, Sensationsgier und ja, ab und an auch das wohlige Gefühl, wenn man beim schweigenden Mitlesen für sich feststellen darf, dass man ausnahmsweise alles richtig macht. Und, tatsächlich finden sich über diese Parallelwelt auch Bekanntschaften, welche dann auch zur Realität werden. Als ich anfangs Woche gemütlich bei einer Tasse Kaffee in meiner Küche sass, quatschend mit einer neugewonnenen Freundin und währenddessen vier kleine Hexlein und zwei kleine Zauberer durch Wohn- und Spielzimmer fegten, war ich Facebook und meiner einstigen Überwindung da beizutreten sehr dankbar.

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Kommentare: 1
  • #1

    susan ponti (Mittwoch, 31 Mai 2017)

    *einfachnurhappy* und kann jedem punkt einfach nur zustimmen ���