Der Mütter liebstes Hobby...

Luana konnte mit 10 Monaten schon laufen. Mia spricht seit sie 16 Monate ist ganze Sätze und Jan fährt schon seit Zweijährig ohne Stützräder Fahrrad. Sowieso Stützräder sind ein Werk des Teufels und übrigens, den Keks vom Spielplatzboden wieder aufzuheben und zu essen ist weit mehr als unhygienisch...

 

Mein grosses Hexlein lief dann mal mit 19 Monaten, mit 15 Monaten setzte sie sich zum ersten Mal hin. Gerne hätte ich all jene Mütter, welche mit ernsthaftem Entsetzen mich zum tausendsten Mal belehrten, dass ein Kind, welches nicht selber aufsitzen kann, auch nicht hingesetzt werden soll, dabei beobachtet, wie sie ihr Kind über diesen Zeitraum zum Liegen gezwungen hätten. Ich bin stolz wie Oskar, dass Twinhexlein B sich mit fast zweieinhalb das Dreiradfahren selber beigebracht hat. Ansonsten... Das Laufrad steht ungenutzt im Keller und das Fahrrad der Grossen hat zwar Stützräder, interessiert sie aber trotzdem nicht. Und Twinhexlein A bevorzugt Lebensmittel, welche auf dem Boden liegen oder zumindest da bereits gelegen haben.

 

Jasmin kommt immer wunderhübsch gekleidet wie eine Puppe zum Musikkurs und immer wieder stolpere ich bei meinen Besuchen in Facebook-Müttergruppen über Bilder süsser kleiner Mädchen mit der Frage der jeweiligen Mutter, ob sie denn nun ihr Kind in diesem Aufzug aus dem Haus lassen könne... Hmm... Das grosse Hexlein bestimmte schon bevor sie laufen konnte mit rigoroser und unveränderbarer Vehemenz, was sie anziehen möchte. Und eigentlich bin ich unglaublich stolz darauf, wenn sie mit erhobenem Sturköpfchen ihre Schmetterlingsleggins in sanften Pastelltönen zum knallroten Sternchenkleid und weil Mama meint, kurze Ärmel seien zu kühl, darüber das mit schwarzen Katzen übersäte graue Strickjäcklein trägt. Ich finde, sie schaut hübsch aus, egal ob Farbe und Muster passen oder nicht.

 

Ben isst schon 180g Brei und das mit knapp fünf Monaten. Alexandra bekommt im ersten halben Jahr nur und ausschliesslich Muttermilch. Alles andere ist unnötig und schädlich. Und die Mamas von Ben und Alexandra kochen natürlich (oder werden denn dann einmal kochen) den Brei für ihre Lieblinge selber. Nun denn... Keines meiner Hexlein wusste meine Kochkünste zu schätzen und der in liebevoller und aufgeregter Erwartung im eigens dafür erstandenen Babybreikocher zubereitete Brei wurde ausgespuckt, verweigert und angeschrien. Überhaupt fand man Brei doof und wenn Brei, dann bitte ein Gläschen und bitte nur eines einer bestimmten Marke und es soll darin keinesfalls Kartoffeln oder Reis oder... haben. Nun gut, Fingerfood oder in Supermama-Fachsprache kurz BLW genannt ist ja schick und Mode. Aber um Himmelswillen, bis zum ersten Geburtstag absolut keinen Zucker und wer seine Pasta - welche das Kindlein mit verputzt - weiterhin zwecks Geschmack und viel leckerer und so salzt, kann die Nieren seines Kindes gleich jetzt schon zum Auswechseln auf die Liste setzen lassen. Blöd bloss, wenn das süsse noch nicht Jährige Kindlein beschliesst, ausschliesslich das essen zu wollen, was auch Mama und Papa essen und die einfach nicht bereit sind, sich nur noch von Obst und Gemüse zu ernähren. An die entsetzten Blicke, als meine Mini-Hexlein glückselig im Kinderwagen sassen und an einem Glace leckten, habe ich mich irgendwann gewöhnt.

 

Nein, Florian schlägt keine anderen Kinder. Und beissen tut er sowieso nicht, was für eine Frage. Also ehrlich, liebe Mama, lieber Papa, sollte dein Kind sowas unglaublich Abnormales tun, dann kann es das nur von Dir gelernt haben. Klar, ich beisse meine Kinder in der Regel, wenn sie etwas tun, was sie nicht hätten tun sollen. Weil schlagen darf ich sie ja nicht. (Und ich hoffe jetzt an der Stelle, liebe Leserin, lieber Leser, mittlerweile kennst Du meinen Humor...) Die Zwillinge beissen beide, mit Vorliebe die andere und aktuell bin ich sehr dankbar, wenn sie sich nur mit Händen verhauen und dazu keine Gegenstände wie Briobahnschienen oder Bauklötze verwenden. Und nein, sie haben es nicht von mir gelernt und auch der Papa ist ganz friedlich. Und ja, ich wage es immer noch sie in Gesellschaft anderer Kinder zu bringen und zwar ohne Maulkorb und auch wenn ich unmöglich permanent ein Auge auf meine drei quirligen Hexlein haben kann. 

 

Diese Liste könnte nun schier unendlich fortgesetzt werden... Eigentlich egal zu welchem Thema man sich ganz mutig ratsuchend an andere Eltern wendet oder aber welches Thema ganz einfach offensichtlich Thema wird, weil man eben mit seinem Kindlein nicht nur zu Hause hockt, sondern sich wagt sein normalbegabtes und sich normal verhaltendes Kind unter andere Kinder zu bringen, sie sind IMMER und SOFORT zur Stelle. Die Mamas (mehrheitlich leider) mit ihren Kindern, welche alles viel besser, viel früher und viel schneller konnten und in der Regel das lediglich so ist, weil diese besagten Mütter eben viel besser, viel liebevoller, viel geduldiger und einfach viel mehr Mama sind. Sie stillen jahrelang, das Kind wird ausschliesslich getragen, die ganze Familie schläft in einem Bett, die Ernährung ist perfekt auf Bio, regional, saisonal und einfach gesund abgestimmt und alles, einfach alles funktioniert wunderbar. Darum müssen besagte Mamas auch niemals laut werden, sind immer ruhig und ausgeglichen und geduldig. Und wenn von denen grad keine zur Stelle ist, dann hilft garantiert jemand aus, der zwar selber noch keine Kinder hat, aber dafür vier Katzen und eigentlich ist das ja das selbe. 

 

Und weil ich ja eben schon geschildert habe, dass meine Hexlein offenbar zur ungezogenen Sorte der Langsamen und meinerseits mindestens vernachlässigten, wenn nicht schon misshandelten Gattung Kind gehören, erlaube ich mir nun ganz unflätig meine Meinung zu diesem Thema auszudrücken: Ich finde das zum Kotzen!!! Als ich mich in einer Gruppe Mütter erkundigte, wo in Deutschland sie Babygläschen einkauften - weil ich wusste, dass die da um einiges günstiger zu bekommen sind als in der Schweiz und die Twinhexlein eine kurze Phase lang, weil ja völlig auf Gläschen fixiert, unser Portemonnaie leer assen - wollte ich übrigens nicht darauf hingewiesen werden, dass selber kochen viel gesünder wäre und ich dann übrigens ganz selber Schuld sei, wenn sie nichts Selbstgemachtes ässen, weil ich hätte ihnen halt kein Gläschen anbieten sollen. Aha ja! Oder, als ich mich verzweifelt und ratsuchend an andere Mütter wandte, weil meine Twinhexlein sich von morgens bis abends gegenseitig die Zähne in irgendwelche Körperteile rammten, fühlte ich mich kein bisschen besser und hatte im Übrigen auch keinen Nutzen für mein Problem, als ich x-fach zu lesen bekam, dass normale Kinder das nicht tun und man solche bösartigen Kinder besser von anderen Kindern fern halten sollte. Als ich dann schrieb, ich werde künftig eine der beiden im Keller einsperren, war es ja dann auch wieder nicht recht. Und ich machte mir übrigens genug Sorgen und Vorwürfe und litt genügend Ängste, als mein grosses Hexlein einfach nicht aufsitzen, nicht krabbeln und schon gar nicht laufen wollte. Es wäre dazu nicht nötig gewesen, sie auf dem Spielplatz anzustarren, als hätte sie zwei Köpfe, nur um mir dann mit stolzgeschwellter Brust zu erzählen, dass eure Kinder das längst können, also laufen meine ich. Alles gut, ich kam ja nicht wieder zum Spielplatz.

 

In den meisten Fällen kann ich sowohl "Mein-Kind-ist-eh-besser-Vergleiche" wie auch "Garantiert-nicht-nur-lieb-gemeinte-Erziehungsratschläge" mittlerweile problemlos wegstecken. Meine Hexlein können Vieles und können Vieles nicht, sind wild und laut und frech und sagen trotzdem freundlich Danke, sie sind eigenständig und manchmal selbstständig und... eigentlich ist es mir völlig egal, ob sie jetzt schon ihren Namen schreiben oder Fahrradfahren können und wenn sie auf dem Heimweg von der Kinderkrippe in längst lauffähigem Alter noch immer gemütlich im Kinderwagen sitzend irgendwelches Zuckerzeugs schlecken, weiss ich ja, dass ich sie abends vom Zähneputzen überzeugen muss und die Rechnung vom Zahnarzt auch an mich adressiert sein wird, immerhin laufen sie mir dann nicht weg und brüllen mir nicht die ganze Busfahrt lang. So gut erziehen konnte ich sie nämlich bis anhin bei allen Bemühungen nicht. Aber mittlerweile habe ich auch drei Kinder und spätestens, als mein Liebster mit dem Buch Babyjahre nach Hause kam und unser Hexlein so gar nicht dem entsprach, was darin geschrieben war, habe ich verstanden, dass Kind eben nicht gleich Kind ist. Und die Meisten trotzdem gross und einigermassen anständig und meistens auch etwas gebildet werden. Nach vielfacher Erfahrung weiss ich, dass man im Notfall Kekse auch noch essen kann, welche auf dem Weg von Hand zu Mund einen Umweg über den Sandkasten, den Gehsteig oder den Fussboden im Tram gemacht haben und daran nicht stirbt. Ich finde Kinderzeichnungen wunderschön, auch wenn da nach vier Jahren Übung noch immer nichts Erkennbares drauf ist. Und nachdem ich in der Spielgruppe das dritte Mal mit leichtem Erstaunen gefragt wurde, ob das grosse Hexlein tatsächlich nur Schweizerdeutsch spreche, konnte ich - und es gelang mir sogar meine Ironie zu verstecken - ganz stolz erwidern, dass sie also auch Schriftdeutsch verstehe. Und nein, wir fuhren nicht nach Hause und lernten die Zahlen von 1 bis 10 in vier verschiedenen Sprachen. Ich überhöre  ganz unauffällig, dass meine Gemüseverweigerinnen auch diesmal den Blumenkohl und den Fenchel und den Tomatensalat nur angebrüllt haben und stecke ihnen auf dem Heimweg einen Keks zu. Ich habe kein schlechtes Gewissen mehr, weil ich sie nur acht Wochen bzw. zehn Tage mit Muttermilch versorgt habe und bestehe auch darauf, dass sie in ihren Betten schlafen, weil ich irgendwie auch noch ein paar winzige Bedürfnisse haben. Und sollten sie von alldem dann einmal fürchterlich gestört sein - wie mir scheint, möchte mir eingeredet werden - zur Therapeutin werde ich sie auf jeden Fall begleiten.

 

Ich bin ja auch stolz, ganz unheimlich stolz, wenn meine Hexlein etwas Neues lernen oder etwas ganz toll können oder etwas ganz Schreckliches nicht tun... Aber ich behaupte, ich habe begriffen, dass dieser Stolz nicht immer und zu jeder Zeit und überall angebracht ist. Es macht dein Kind nicht liebenswerter, wenn es das meine immer und überall an Klugheit, Schönheit und Begabung überbieten kann. Und wenn ich es wage, mein mir offensichtliches Versagen zu offenbaren und mich ratsuchend an meiner Meinung nach eigentlich Gleichgesinnte wende, dann fühle ich mich definitiv nicht besser und es ist mir auch überhaupt nicht geholfen, wenn mir dann aus diversen Richtungen gleichzeitig erklärt wird, wie viel besser ihr alle das macht. 

 

Ich glaube, es täte uns Müttern gut, wenn nicht sogar besser, wenn wir von anderen Komplimente für unsere Kinder bekommen würden. Nur leider schwierig, wenn wir die immer alle vorweg nehmen. Das wäre aber eigentlich gar nicht nötig... Weil, erstens finde ich meine eigenen Kinder nicht immer die Schönsten und die Besten und die Lustigsten. Ich bewundere und beneide dich sowieso, andere Mama, wenn dein Kind ganz brav an deiner Hand durch die Migros spaziert. Oder ganz still neben dir auf der Bank sitzt, während du mit deiner Freundin redest. Ich staune, wenn der kleine Jan mit seinem Fahrrad an mir vorbeifährt und ich hätte gerne konstruktive Ideen zur Lösung des Beissproblems angenommen... Wir könnten uns also auch alle gegenseitig viel Stress ersparen, wenn wir statt mit klugen "Ich-bin-die-Supermama-Tipps" um uns zu schmeissen, einfach einmal etwas Ehrlichkeit walten liessen. Weil, weisst du was, es gibt da übrigens garantiert noch eine Mutter, die macht das noch besser als du... Es gibt nicht DAS Kind und somit auch definitiv nicht nur einen Weg Kinder beim Grosswerden zu begleiten. Ich kenne eigentlich keine Mama, keine Eltern, welche nicht einfach nur das Beste für ihre Kinder möchten. Und auch wenn ich nicht verstehen kann, warum das Kind exakt zwölf Monate keinen Zucker bekommen soll, um dann an seinem ersten Geburtstag sein Köpfchen in ekstatisch in einer Schokoladentorte zu versenken - wenn es für andere stimmt, ist das doch wunderbar. 

 

Und, ich hätte wohl in verschiedenen Situation souveräner reagiert, mich besser gefühlt und wäre beruhigter gewesen, wenn wir Mamas etwas ehrlicher, mitfühlender und unterstützender untereinander wären, anstatt Kinder zu haben als Dauerwettbewerb zu sehen... Andererseits, danke! Es hat mir geholfen ziemlich viel Selbstvertrauen aufzubauen und viel Vertrauen in mein Bauchgefühl zu bekommen. Es fallen keine Supermamas vom Himmel, Mama zu sein bedeutet ein Leben lang zu lernen. Und Vorbereitung - so habe ich das erlebt - ist eher kontraproduktiv, weil es sind erstaunliche Persönlichkeiten, diese winzigen Babies. Erziehung bedeutet für mich ein steter Lernprozess zwischen mir und meinem Kind. Achtsam, aufmerksam und neugierig sein und wie beim Pingpong hin- und her voneinander zu lernen. Eltern werden ist nicht schwer, Eltern sein dagegen sehr und ich behaupte, würden wir uns alle hauptsächlich auf unsere Kinder konzentrieren und nicht stets versuchen, die Welt besser zu machen, wäre es um einiges leichter...