Liebe unbekannte Miterzieherin...

Kürzlich waren wir einkaufen, die Hexlein und ich. Und weil ich gerade gut gelaunt und grosszügig gestimmt war, durften sie alle ein eigenes kleines Einkaufswägelchen schieben. Die Freude darüber wich jedoch ziemlich schnell den obligaten Streitigkeiten darum, wer was in sein Wägelchen bekommt. Das grosse Hexlein will keinesfalls den Butter oder Käse - fasst sie beides auch durch die Verpackung nicht an. Den Twinhexlein ist eigentlich egal, was sie transportieren, solange in allen Wägelchen exakt die gleiche Anzahl an Einkäufen liegt. Ganz Supermama hatte ich das natürlich alles bereits einkalkuliert und so verlief der Einkauf eigentlich ganz friedlich. Bis wir zu den Joghurts kamen. Obwohl sie diese kinderlockenden Fruchtzwerge gar nicht wirklich mögen, wollten sie unbedingt davon haben. Ausnahmsweise waren sie alle drei gleicher Meinung. Um den Frieden nicht zu gefährden liess ich mich umgehend überzeugen und aufgrund Hexleins Entscheidungsschwierigkeiten - ob Schokolade oder Früchte - sogar davon überzeugen beides mitzunehmen. Bloss waren jetzt lediglich in zwei von drei Wägelchen Joghurts drin. Twinhexlein A begann augenblicklich loszuschreien und lag bereits ein Wimpernschlag später heulend und tobend neben dem Kühlregal. Meine erste Taktik - erklären, warum wir nicht nochmals sechs Joghurts kaufen - scheiterte an ihrem noch fehlenden Mengenverständnis. Taktik zwei - besprechen einer allfälligen Umverteilung der Einkäufe - wurde mir von den beiden anderen zunichte gemacht, sie waren weiter spaziert. Als auch meine dritte Taktik - Ablenkung - kläglich versagte, schloss ich mich den beiden anderen an und entschied einfach weiter einzukaufen. Natürlich blieb ich in Sicht- und Hörweite! Zweites war überraschenderweise auch ganz einfach. Es vergingen keine fünf Minuten und einen kurzen Moment meiner Aufmerksamkeit auf die beiden anderen - Kinder wissen Situationen erstaunlich geschickt auszunutzen, wir kauften danach deutlich mehr, als geplant - und schon stand hinter mir eine wutschnaubende und angriffslustige ältere Dame, an der Hand mein etwas verdutzt blickendes Twinhexlein A. Und noch bevor ich Luft holen konnte, prasselten Vorwürfe und Beschimpfungen auf mich ein. Ist ja auch wirklich unmöglich ein so kleines und so trauriges, verzweifeltes Kind einfach so alleine Mitten in diesem riesigen Laden stehen zu lassen. Mit erbostem Kopfschütteln zog die gute Dame wieder von Dannen und ich blieb unfähig zu reagieren zurück. 

 

 

Gestern holte ich mittags gut gelaunt mein grosses Hexlein aus der Spielgruppe ab. Meine gute Laune war erstaunlich, hatte sie mich doch schon frühmorgens mit geballter Freundlichkeit einer frühpubertierenden fast Fünfjährigen begrüsst, wurde ich schon als gemeinste aller Mütter betitelt, weil sie sich nicht das selbe Unterleibchen ausgesucht hatte, wie ich es für ihre Schwestern vorgesehen hatte und zog sie dann mit dem passenden - dem Gegenteil von freundlich - Gesichtsausdruck los. Trotzdem, ich freute mich. Wir planten auf dem Rückweg einen Besuch im Spielzeugladen, um ein Geburtstagsgeschenk für ihre Freundin auszusuchen, auf deren Party sie am Wochenende eingeladen ist. Kaum war das Hexlein freudestrahlend ums Eck gerannt, sass sie auch schon brüllend und heulend und Verwünschungen aufzählend auf der Erde. Grund: Es gibt da, wo wir hin wollten, keine Pommes. Und Wutanfälle sind feige, sie treten nämlich immer im Rudel auf. Der Grund des nächsten war, dass man weder den ganzen Weg laufen, noch sich beeilen wollte, um den Bus noch zu erwischen. Schlussendlich also sah man uns beide in konstantem Abstand von ungefähr drei Metern der Strasse entlang laufen. Vorne ich, monoton und ohne Pause die Zahlen von 10 bis 1 rückwärts zählend und hinten das Hexlein. Brüllend, schluchzend, böse blickend, verheult und mit hochrotem Kopf. Die Lautstärke senkte sie lediglich, um sofort stehen zu bleiben und bockig die Arme zu verschränken, wenn ich stehen blieb, um auf sie zu warten und versöhnlich an der Hand zu nehmen. Irgendwann war es mir zu blöd und ich informierte sie, dass ich etwas weiter vorne auf der Bank auf sie warten werde. Da sass ich dann keine drei Minuten und da stand mein Hexlein vor mir, hinter ihr - natürlich einen böse guckende ältere Dame, welche mir mit unfreundlichen Worten meine Versuche mein Kind zu erziehen beziehungsweise primär nicht die Nerven zu verlieren vernichtend um die Ohren schlug. Und wieder blieb mir die Kinnlade unten, unfähig irgendetwas zu entgegnen.

 

Ich habe noch nie eines meiner Kinder im Stich gelassen! Ich bin immer da und begleite sie IMMER und in JEDER Situation. Da ich mit meinen willensstarken Hexlein jedoch schon mehrfach in ähnliche Situationen geraten bin, habe ich gelernt, dass dabei  meistens etwas Distanz und Raum hilfreicher ist als aufdringliches auf sie einreden. Und da ihr mich meistens umgehend als Mutter des verzweifelten Schreihalses identifiziert, kann ich ja nicht allzu unbeteiligt wirken. Immerhin in der Situation im Einkaufsladen standen da mindestens noch drei weitere Kandidatinnen. Da ich erstaunlicherweise noch nicht taub bin, müsst ihr mich auch nicht dauernd darauf hinweisen, dass da eines meiner Kinder brüllt. Ich höre es! Und auch der Inhalt ihres Gebrülls - nämlich mit Vorliebe "Auuuaaaa, auuuuaaaaaaa" - soll Euch nicht beunruhigen. Meine Hexlein sind clever, aber werden weder verhauen, noch gebissen noch anderweitig misshandelt.

 

Miterzieherinnen sind überall. Sie tummeln sich auch gerne in verschiedenen Müttergruppen beispielsweise auf Facebook, wo sie sich dann in schier endlosen Diskussionen über Handeln und Verhalten anderer Mütter auslassen können und gerne auch ihr gespieltes Entsetzen - wie kann die nur - zur Show stellen. Nach Hintergründen gefragt, sich mitfühlend mit mir an mein Kind gewandt oder sich gar lobend äussern - das ist mir in meiner bald fünfjährigen Mama-Karriere kaum mehr als ein, zwei Mal passiert. Dabei gäbe es tatsächlich Situationen - wenn ihr Euch denn unbedingt irgendwie einmischen müsst - in denen ihr gefragt wäret. Warum entladet ihr Eure Frustration nicht bei dem jungen Möchtegernmann, der mir kürzlich breit grinsend und kopfschüttelnd den Einstieg in den Bus verweigerte? Oder warum hockt ihr da, auf Euren Sitzen festgefroren, wenn ich an beiden Händen ein Hexlein in den Bus einsteige und versuche, vor Abfahrt ein Plätzchen für sie zu finden? Damit ihr mich nachher unverantwortlich schimpfen könnt, wenn eines umfällt, weil der Bus zu stark beschleunigt hat?

 

Nun, putzt vor Eurer eigenen Haustüre! Mischt Euch nicht in meine Angelegenheiten ein! Das ist weder Zivilcourage noch anderweitig förderlich für Euer Karma! Es ist schlicht nur lästig, mühsam und kontraproduktiv. Und wenn ihr Euch nicht zurückhalten könnt, dann helft mir, anstatt mich zu verurteilen und anzufeinden. In beiden oben geschilderten Situationen hatte ich nämlich die Situation wie auch meine Nerven vollends unter Kontrolle. Bis zu dem Moment, als ihr meintet, Euch einmischen zu müssen und Euch an die Seite des armen Kindes zu stellen. Danach war ich wirklich sauer, sehr sauer. Auf Euch, auf die Situation, auf mein Kind, welches mich in diese Situation gebracht hatte, auf mich selber...

 

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