Sprung in der Platte, Sprung in der Platte, Sprung in der Platte,...

Egal, ob die liebe Kinderlein bisher alle Hörtests mit Bravour gemeistert haben oder nicht, irgendwann kommen alle Eltern an den Punkt, an dem sie befürchten, dass ihre Kinder stocktaub sind. Erschrocken flüstert man seinem Kind zu: "Möchtest Du heute Schokolade zum Mittagessen?" und stellt beruhigt fest: Es hört ja doch!!! Es hört jedoch bloss noch, was es hören möchte. Ermahnungen, Aufforderungen zum Aufräumen, Mithelfen oder Gehorchen, all die lästigen Dinge, werden einfach überhört und ausgeblendet. Also kniet man vor dem Kind nieder, geht schön auf Augenhöhe, sucht seinen Blick, spricht deutlich und knapp - und das Kind... schaut an Dir vorbei, fängt an zu singen und hat sich schon wieder aus deinem Tanzbereich geschlichen. Und so kommst Du Dir irgendwann vor, als ob Du einen Sprung in der Platte hättest... Setzt Du Dich bitte hin, Liebes. Setzt Du Dich bitte hin, Liebes. Setz Dich jetzt anständig hin! Setzt Dich jetzt anständig hin! Wenn Du Dich jetzt nicht sofort anständig hinsetzt,...! Wenn Du Dich jetzt nicht sofort anständig hinsetzt,...! In 99% der Fälle endet diese Art der einseitigen Konversation bei uns im Moment mit Blut und/oder ohrenbetäubendem Gebrüll. Und kaum ist das verstummt, fängt das Ganze wieder von Vorne an. Wer nicht hören will, muss fühlen funktioniert leider auch nicht wirklich, weil die Leidtragende, also ich, dann hören und fühlen muss... Ich kann einfach nicht anders, mir fällt dabei auch immer wieder dieses Experiment mit Regenwürmern ein, von dem ich vor Jahren einmal gelesen habe. Ein Regenwurm bekommt zwei Gänge, durch die er kriechen kann. Ein Gang führt jedoch nicht zum Ziel, das arme Würmchen bekommt jedes Mal einen leichten Stromschlag, wenn er da hindurch will. Nun ja, er kriecht also durch diesen fiesen Gang, es zwickt ihn, er geht zurück und... Genau, kriecht abermals durch diesen fiesen Gang, weil er kaum am Ausgangspunkt angelangt, schon wieder vergessen hat. Meine Kinder funktionieren im Moment ungefähr gleich. Man schaukelt also mit dem Stuhl hin- und her, bis man mit dem Kinn auf die Tischplatte knallt. Kaum ist der erste Schmerz vergessen, schaukelt man schon wieder. Und irgendwie sind meine Kinder ja eigentlich wirklich nicht dumm...

 

Der Sprung in der Platte ist auch umgekehrt vorhanden in diesem Alter. Wir so mit dem Kinderwagen unterwegs zur Kinderkrippe. Immer derselbe Weg. Und jedes Mal - wenn wir am parkierten Wohnwagen vorbeilaufen, fragt TWinhexlein A: "Mama, wa isch da?" Ein Wohnwagen, Marie. "Mama, wa isch da?" Immer noch ein Wohnwagen, Marie. "Mama, wa isch da?" Auch zwei Sekunden später noch immer ein Wohnwagen, hergottnochmal!!! Und kaum ist Twinhexlein A mit meiner Antwort endlich zufrieden... Jaaaaa, genauuuuuu!!! Twinhexlein B: "Mama, wa isch da?" Eiiiiiiiinnnnnnnn Wooooooohhhhhnnnnnwaaaaaaggeeeeeeeen!!! Aaargh!!! Ich finde ihre Neugierde und ihren Wissensdurst ja wunderbar, wirklich wunderbar. Aber sämtliche Fragen werden mindestens dreimal gestellt und weil Twinhexlein A und Twinhexlein B logischerweise, weil gleiches Alter und somit auch ungefähr immer in der selben Phase stecken, in unserem Fall also mindestens sechs Mal. Ergo muss ich auch sechsmal die selbe Antwort geben. Und ja, ich habe es ausprobiert und nach dem ersten Mal antworten stur geschwiegen. Die Frage wurde dann halt zehn Minuten lang wiederholt und am Ende in doch unüberhörbarer Lautstärke. Immerhin ist das grosse Hexlein bereits eine Phase weiter und fragt dann zwar auch nach demselben Objekt, aber mehr so in die Richtung: Was tut man damit? Wofür braucht man das? Wem gehört das? Wieso ist das so? Wieso nicht anders? Bist Du sicher, Mama? Diese Art der Fragephase ist wenigstens ab und an eine Herausforderung für mein unterfordertes Mama-Gehirn und ich habe es mir zum Sport gemacht, diese Fragen möglichst so zu beantworten, dass auch die Twinhexlein gespannt meinen Ausführungen lauschen. Eine echte Challenge, sage ich Euch.

 

Die Fragerei ist wichtig und gehört zur Entwicklung und kann ja - wie geschildert - durchaus auch Spass machen. Das stetige Wiederholen von Ermahnungen, das immer wieder auf die gleichen Gefahren aufmerksam machen müssen,... ist jedoch fürchterlich ermüdend. Manchmal frage ich mich, ob ich allenfalls über Nacht begonnen habe Chinesisch zu sprechen oder ich checke in regelmässigen Abständen mit dem Schokoladen-Hörtest die Hörfähigkeit meiner Hexlein. Das einfach nichts sagen und sie fühlen lassen, wohin ihr Nichthören und Nichtgehorchen unter Umständen führt, habe ich aufgegeben. Meine durch die ständigen Wiederholungen bereits überstrapazierten Nerven ertragen danach nur noch sehr sehr schlecht weder blutige Münder noch ohrenbetäubendes Gebrüll. Zumal ich einsehen musste, dass die Entwicklung der Vernunft und der Fähigkeit zu vernetzen zumindest bei den kleinen beiden die Fähigkeiten des Regenwurmes noch nicht übertroffen hat. Vielleicht versuche ich es jetzt dann mit einer Art Gehirnwäsche... So gut 15-20 Minuten würde aus dem Radio dann die übliche Geschichte erklingen und wenn die Hexlein dann sanft schlummern, würde der Rest der Nacht stetig wiederholt: Setz Dich richtig hin. Iss mit dem Besteck. Nicht hauen. Komm da runter. Die Rutschbahn hat eine Treppe. An der Strasse läufst Du an der Hand. Das hatte Marie zuerst. Das hatte Leah zuerst. Nicht hauen. Nicht beissen. Iss Dein Brot fertig. Die Füsse gehören unter den Tisch. Zähne putzen wir jeden Abend...

 

Und nun, tue ich, was ich immer tue, wenn die Hexlein mittags friedlich schlummern. Ich gehe in den Garten, den Garten, den Garten, den Garten... Wir haben doch alle einen Sprung in der Platte irgendwie. Oder "Und täglich grüsst der Mama-Alltag...".

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