Zwillingsmütter leben länger...

Und ticken auch sonst anders

Bei einer meiner kleinen Auszeiten kürzlich, welche ich recht gerne mit sinnlosem Herumstöbern auf Facebook verbringe - vielleicht auch während dem Kochen, dem Aufräumen oder während sonst was - das Erinnerungsvermögen gehört definitiv nicht zu den Stärken von Zwillingsmüttern. Das ist uns irgendwann zwischen Schlafmangel und der Eintönigkeit doppelten Windelnwechselns abhanden gekommen. Auf jeden Fall stiess ich auf einen Post in einer Zwillingsgruppe, von welchem ich mich gleich hierfür inspirieren liess.

 

Eine dreifach Mama - Konstellation "älteres Kind & Zwillinge" wunderte sich, warum sie und ihre Freundin - ebenfalls zweifache Mama, Konstellation "älteres Kind & jüngeres Kind" so oft aneinander vorbei reden und ihre Freundin offenbar so viele Aspekte des Zwillingsmütter-Lebens nicht versteht.Rasch häuften sich die Kommentare unter besagtem Post und ausnahmslos alle Mamas (natürlich - die Gruppe sagt es ja - alles Mehrlingsmamas) waren sich einig: Zwillingsmütter ticken anders...

 

Vorneweg vielleicht noch, ich war auch einmal "bloss" Einlings- und sogar Einkind-Mama. Und dabei war ich fürchterlich gestresst, übermüdet, überfordert manchmal. Fand den Alltag mit meinem einen Kind anstrengend. An ein weiteres Kind zu denken lag in weiter Ferne und an Zwillinge sowieso. Glücklicherweise ist das der Natur oder dem Schicksal oder wer auch immer dafür verantwortlich ist, so ziemlich egal. Die Twinhexlein kamen, brüllten und veränderten mich. So, dass ich heute hier sitze, zurückdenke und ganz laut - innerlich natürlich, alles andere würde schlafende Hunde, äh Kinder wecken - über mich lachen muss, über damals, mit einem einzigen Kind. Und mich auch immer wieder ein bisschen wundern muss über diesen unglaublichen Stress von Einkindmüttern und ihrem Urlaubsleben. Aber eben, nicht böse sein, Selbstkritik und Selbstironie liegt mir ganz gut und schlussendlich ist erschöpft, gestresst oder ab und an überfordert sein auch sehr subjektiv. Trotzdem weiss ich heute, rückblickend, ich bin mutiert, zur typischen Zwillingsmutter. Und Zwillingsmütter ticken anders...

  

Es fängt schon bei der Schwangerschaft an... Da sind zwei kleine Wesen, welche Dich von Innen aussaugen und traktieren. Was jammerte ich, dass das grosse Hexlein jeweils meine Blase als Kopfkissen benützte oder mit ihrem Po so wunderbar meinen Magen massierte. Die Twinhexlein schafften das gleichzeitig, eine plagte die Blase, die andere den Magen. Und hatte die eine von meinen Abwehrversuchen genug, dann wechselten sie - übrigens ab einer gewissen Grösse der kleinen Bauchbewohner auch äusserst unangenehm - ganz einfach die Position und übernahmen den Dienst der jeweils anderen. Und bereiteten ihre künftige Zwillingsmama darauf vor, dass es Dinge gibt, die ausser anderen Zwillingsmütter einfach niemand verstehen wird.

 

Und bevor wir nun zum Sammeln diverser Fakten kommen, welche Zwillingsmütter von Nicht-Zwillingsmüttern ganz eindeutig unterscheidet, lasst mich noch etwas klarstellen. Liebe Nicht-Zwillingsmama... Auch wenn Du gleich nachdem Gebären wieder schwanger wirst und unter Umständen zwei Kinder mit der selben Jahreszahl im Geburtsdatum auf die Welt stellst, das sind keine Zwillinge! Auch, wenn sich dann beide an Deiner Milchbar verköstigen, vielleicht ist Dir aufgefallen, dass das eine ein bisschen grösser ist, als das andere. Ein bisschen selbstständiger schon. Ein bisschen stärker. Ein bisschen gewöhnter an diese  Welt. Das kommt davon, weil es eben keine Zwillinge sind, gell. Entschuldige... 

 

Und nun - mit etwas Ernst und viel Ironie - warum ticken Zwillingsmütter eigentlich anders...?

  • Zwillingsmamas sind irgendwann tatsächlich Multitaskingfähig, wie allen Frauen grundsätzlich nachgesagt wird. Wer es nämlich in wiederkehrender Regelmäßigkeit schafft, Baby eins zu füttern, währenddessen Baby zwei zu wickeln und gleichzeitig Kleinkind eins ein Bilderbuch vorzulesen und dazwischen noch kurz dem Postboten die Türe zu öffnen und das Mittagessen auf dem Herd so kontinuierlich umzurühren, dass es nicht anbrennt, der verdient tatsächlich das Attribut "Multitasking".
  • Zwillingsmamas werden prinzipiell erst müde, wenn sie schlafen. Und das tun sie relativ selten und meist aufgeteilt auf diverse kleine Kurzschläfchen. Schliesslich verteilen sie ihre Nächte ja auf mindestens zwei schlaflosen Babys und allenfalls weiteren unruhige Kinder.
  • Schlafen können Zwillingsmütter dafür meist immer und überall, wo und wann sich eben Gelegenheit bieten. Bis sich dann der Körper der Zwillingsmama so an die äusseren Gegebenheiten angepasst hat, dass sie wunderbar mit zwei bis vier Stunden Schlaf pro Nacht auskommt und morgens trotzdem erholt aufsteht (oder gelegentlich bereits seit Stunden auf ist). Schlaf macht sie träge und übellaunig. Der Zwillingsmamakörper lechzt nach Kaffee und Action und nicht nach Schlaf.
  • Zwillingsmütter sind schön. Strahlend schön. Das mag vermutlich an der zwillingsmutterspezifischen Art des Kaffeekonsumierens liegen. Und zwar nimmt die Zwillingsmama Unmengen an Kaffee zu sich und da dieser in den meisten Fällen kalt bis maximal lauwarm ist, wird die Zwillingsmama täglich schöner.
  • Zwillingsmütter verstehen bedeutend mehr von Fussball als die Durchschnitts-Mama. Strategische Absprachen vor oder während eines Ausfluges mit dem Co-Trainer (Zwillingspapa) über Raum- oder Manndeckung können nämlich existenziell sein. Oder wer verliert schon gerne eins oder zwei Kinder während einer Grossveranstaltung...
  • Zwillingsmamas entwickeln umfassenden Fähigkeiten im Wegsehen, Übersehen und Ausblenden. Egal ob es sich dabei um einen Fleck auf dem eigenen T-Shirt, dem ketchupverschmierten Mund irgendeines Kindes, den dreckigen Fensterscheiben, dem unaufgeräumten Wohnzimmer oder der Tatsache, dass die Kinder nach sechs Tagen endlich einmal wieder in die Badewanne müssten handelt. Irgendwann begreifen wir alle, dass wir Prioritäten setzen müssen. Um Listen dieser Prioritäten auch lediglich im Kopf zu machen, fehlt uns Zeit, Antrieb und Energie. Lassen wir also das mit diesen Prioritäten und tun das, was uns gerade vor den Füssen liegt. Alles andere wird dann profimässig ausgeblendet.
  • Zwillingsmütter sind immer eine Spur konsequenter, absolut versessen nach Struktur und Ordnung und Ritualen und grundsätzlich militärisch durchorganisiert. Unsere Spontanität nutzen wir für Dinge wie: Windeln im Tram wechseln, Kinderkotze beseitigen, damit der Ausflug trotz vergessener Ersatzkleider noch fortgesetzt werden kann und dem Finden kleinkindgerechter Nahrung, wenn der Nachwuchs hungrig ist, die eingepackten Brötchen aber wieder einmal in der ausgelaufenen Trinkflasche ertrunken sind... Unser Haus ist unsere Festung und das grosse Hexlein vor kurzem zum Hilfspolizisten befördert worden. Nachdem Aufstehen wird aufs Klo gegangen, nach dem Klogang zieht man sich an, angezogen sitzt man an den Frühstückstisch, wo jeder seinen Platz, seinen Becher und seinen Teller hat...
  • Verfügt die Zwillingsmama nicht gerade über ein Badezimmer, welches in seiner Grösse einer Turnhalle gleichkommt, lernt sie erstaunlich schnell, sich in knapp 10 Minuten fertig zu stylen. Inklusive vertreiben ekliger Kindergerüche und verstecken eventueller Überbleibsel einer kurzen Nacht. Und wir laufen nicht alle nur ungeschminkt und ungekämmt durchs Leben. Aber für mehr als ein Kind ist im Durchschnittsbad keinen Platz und wer kleine Kinder im Rudel länger als zehn Minuten alleine lässt, wird das schnell einmal bitter bereuen.
  • Zwillingsmütter werden instinktiv zu Profimediatorinnen. Denn irgendwann werden sich die Zwillinge um ALLES streiten. Und sie sind gut darin. Schliesslich haben sie bereits im Bauch ihrer Mama um jeden Zentimeter Platz kämpfen müssen. Nun geht es um T-Shirts, Spielzeug, Platz am Esstisch... Und wehe, sie erkennen irgendwann, dass sie im Doppel auftreten können, um der grossen Schwester keine Chance mehr zu lassen...
  • Einkaufen fühlt sich ohne Kind an wie ein zweiwöchiger Wellnessurlaub in einem 5-Sterne-Hotel und mit lediglich einem Kind wie dreimal hintereinander ausschlafen. Die Zwillingsmama ist jedoch auch absoluter Profi darin zwei und mehr Kinder - alle mit eigenem Einkaufswägelchen wohlgemerkt - geschickt durchs Geschäft zu navigieren. Sind die Spielregeln dann erst allen Kindern bekannt und eingebrannt, wird Einkaufen für die Zwillingsmutter zum Zuckerschlecken. Sie braucht nämlich lediglich noch zu delegieren, zu dirigieren und zu bezahlen (wobei, das ja eigentlich der Zwillingspapa tut, denn in der Regel ist die Zwillingsmutter mit unbezahlter Arbeit so eingedeckt, dass sie am Brötchenverdienen ziemlich unbeteiligt ist).
  • Zwillingsmütter entwickeln diverse animalische Fähigkeiten. Sie scheinen Arme zu haben wie ein Oktopus, können gleichzeitig in zwei verschiedene Richtungen schauen wie ein Chamäleon, riechen Ausscheidungen lange vor allen anderen und erkennen dabei auch noch, ob es sich um eines ihrer oder ein fremdes Kind handelt und sie sind stets wachsam wie eine Katze, so dass sie selbst im Schlaf ihre Kinderschar überwachen können. Ausserdem fühlt die Zwillingsmutter rasch mit jedem Tier im Zoo mit. Denn wer sich mit Zwillingen in der Öffentlichkeit bewegt, steht automatisch im Mittelpunkt und darf uneingeschränkt angeglotzt werden. 
  • Nach einigen Monaten der Zwillingsmutterschaft ist jede Zwillingsmama die geborene Diplomatin. Hat sie bis dahin nämlich mindestens 132054x lächelnd und souverän diverse Frage zu und über ihre Zwillingsnachkommenschaft beantwortet und ist selbst ruhig und anständig geblieben, wenn sich wildfremde Menschen über die Art und Weise der Entstehung der Zwillinge, ihre Geburt und selbstverständlich auch darüber, ob sie denn gestillt wurden oder nicht unterhalten wollten.
  • Die Zwillingsmutter mag auf andere sehr launisch wirken. Schwankt sie doch stets zwischen ihrer mittlerweile selbstverständlichen und absoluten Gelassenheit und der Weltuntergangsstimmung kurz vor dem Totalzusammenbruch.
  • Zwillingsmütter - und das ist wissenschaftlich erwiesen - leben länger. Was aber offenbar nichts mit all den entwickelten Fähigkeiten und Resistenzen zu tun hat, sondern damit, dass gesunde und starke Frauen anfälliger sind für Mehrlingsschwangerschaften.

Zugegeben, Vieles des gerade Aufgezählten ist bestimmt überzogen und passiert auch nicht nur Zwillingsmüttern. Ein Fünkchen Wahrheit steckt jedoch schon dahinter... Es gibt kleine feine Dinge, welche den Unterschied ausmachen und welche von Einlings-Mamas nicht gleich nachvollzogen werden können, als von gleichgesinnten (Leidens-)Genossinnen. Es ist darum eigentlich auch nicht wirklich erstaunlich - vielleicht erinnert sich noch jemand an meinen Blogartikel über die Facebook-Müttergruppen - in sämtlichen Zwillingsgruppen ist es friedlich, einfach nur friedlich und voller Verständnis für die anderen. Insofern ist man fast versucht der Welt mehr Zwillinge zu wünschen. Denn sie sind wunderbar und lassen uns zu ein bisschen wunderbareren Menschen werden.

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