Deformation professionelle der Mütter

Mit der Geburt eines Kindes verschärfen sich plötzlich diverse Instinkte einer Frau. Und sie beginnt tierische Eigenschaften zu entwickeln. Der Schlaf wird oberflächlicher, das Gehör anfälliger auf gewisse Frequenzen und trotz Schlaf-, Nahrung- und Erholungsmangel entwickelt die Mutter eine erstaunliche Reaktionsgeschwindigkeit - zum Beispiel, wenn ein Becher Wasser vom Tisch zu fallen droht. Die eigenen Kinder sieht und spürt man irgendwie immer - auch wenn sie sich da befinden, wo normale Menschen eigentlich keine Augen haben und man beginnt instinktiv mit körperlichen Anzeichen wie Unruhe oder Bauchgrummeln zu reagieren, wenn der Nachwuchs verbotene Dinge plant. Bahnt sich beim Kindlein eine Krankheit an - und in den ersten Lebensjahren ist das doch sehr gehäuft der Fall - riecht die erfahrene Mama das bereits Tage im Voraus. Praktisch, so hat sie nämlich Zeit panikartig sämtliche bereits durchgemachten und leider noch auf der Liste stehenden Kinderkrankheiten durchzugehen, Anzeichen zu finden, wo keine sind und im Geiste bereits die geplanten Ferien abzusagen, weil dieses Mal, ja dieses Mal kommen die Windpocken ganz sicher.

 

Als das grosse Hexlein ein paar Monate alt war - so genau weiss ich das nicht mehr, weil sie offenbar die Kapazität des Gedächtnisses gegenteilig zum Ausbau anderer Fähigkeiten entwickelt - war ich mit einer Freundin aus. Gutes Essen, guter Wein, eine Bar, Frauen-Gespräche... Ein entspannter Abend, eine willkommene Abwechslung zum Alltag gefüllt mit Windeln, Gebrüll und heimischem Chaos. Irgendwann spät abends (also so nach Muttergefühl wohl höchstens 23 Uhr) standen wir also vor dieser Bar, tranken, lachten, rauchten und... ich wippte beruhigend auf und ab. Wiegte mein Hexlein in den Schlaf. Wie jeden Abend und Mittag und wie jede Nacht... Mit dem wichtigen Detail, dass das Kind ja daheim beim Papa im Bettchen lag oder eben gewippt wurde und ich... Ich folglich rauchend und trinkend mein imaginäres Kind in den Schlaf wiegte. Oje...

 

Seither sind über vier Jahre und zwei weitere Babies vergangen und ich leide nun an weiteren solchen Absonderlichkeiten. Durch- oder ausschlafen funktioniert längst nicht mehr, auch wenn ich denn dann ausnahmsweise einmal könnte... Ok, dass kann auch am Alter und nicht zwingend am Muttersein liegen. Und damit kann ich irgendwie auch gut umgehen. Die Möglichkeit zum Ausschlafen kommt so unglaublich selten vor und die Tatsache, dass ich es gar nicht mehr kann, lässt es mich auch kaum vermissen. Und irgendwie hat es auch seinen Reiz, mitten in der Nacht - als einzige!!! - wach zu sein. Diese unendliche Ruhe, diese mannigfaltigen Möglichkeiten... Und endlich mal kein aufdringliches Gewissen-Männchen, dass dich davon überzeugen will jetzt sofort Staub zu saugen oder... weil das ja dann die schlafenden Hunde, äh Kinder wecken täte.

 

Seit geraumer Zeit leide ich auch unter Verfolgungswahn. Ich sah kürzlich einen Kurzfilm. Über die Entwicklung unserer technologisierten Welt und der Vorstellung, dass diese ganzen technischen Fortschritte irgendwann die Herrschaft an sich reissen... Und glaubt mir, das passiert ganz sicher! Ich habe die Macht längst abgegeben, an ein kleines technisches Gerät, dass doch so unverzichtbar ist, in der Welt der Eltern. Das Babyphone verfolgt mich überall hin. Aufs Klo, unter die Dusche, in den Garten, schläft neben mir, beobachtet mich beim Kochen und sitzt mir mit der ständigen Bedrohung lauten Geschreis im Nacken. Sind ausnahmsweise einmal alle drei Hexlein aus dem Haus und das Babyphone geniesst wohlverdiente Pause, vermisse ich es bereits und muss immer mal wieder nach ihm schauen. Sitzen wir abends auf der Terrasse, geniessen etwas eheliche Zweisamkeit, Panik... Wo ist das Babyphone?!?!?! Wir leben eigentlich eine Dreierbeziehung. Der Liebste, ich und das Babyphone. Und wer jetzt aber denkt, das kleine Ding sei dafür dankbar... Im Gegenteil! Kaum stehe ich unter der Dusche oder wage ich es gar mit Kopfhörern etwas lauter Musik zu hören, beginnt es mich zu necken und lässt meine Hexlein brüllen. Eins nach dem anderen oder alle zusammen... Bis ich Musik oder Wasser wieder abgestellt habe, angestrengt und leicht panisch lausche. Nichts... Stille... 

 

Ich habe zudem eine Toiletten-Klaustrophobie entwickelt... In geschlossenen WC-Räumlichkeiten fühle ich mich unwohl, sehr unwohl. Du wirst Mutter und plötzlich bist Du auf dem Klo nie wieder alleine. Wenn Du Glück hast, sitzt Dein Kind während Deinem Geschäft ganz zufrieden vor Dir. Die anderen zehn Prozent der Mütter entwickeln sich zu Profis im "Mit-Kind-auf-dem-Schoss-pinkeln". Aber die WC-Türe bräuchten Eltern eigentlich nicht mehr. Und nach fünf Jahren Mama-Sein fühlt sich eine geschlossene Klotüre irgendwie komisch und beängstigend an. Dafür riecht man immer und überall - auch imaginäre - Kinderausscheidungen. Darin wird die Mutter Profi, vor allem wenn sie darauf spekuliert, dass jetzt der Papa mit Windelnwechseln an der Reihe wäre. Wobei... Schlussendlich macht sie es dann doch lieber selber, weil niemand kann das natürlich besser als sie. Und das liegt selbstverständlich nur an der riesigen Erfahrung. Sämtliche Ausscheidungen ihrer Kinder riecht die erfahrene Mama also umgehend - oder davor - leider entfällt dabei oftmals der Blick für das eigene Äussere. Ging man früher nur geschminkt und sicherlich nicht, ohne nochmals einen Blick in den Spiegel zu werfen und die Frisur rasch nochmals mit Bürste und Haarspray perfekter zu stylen aus dem Haus, kann es heute durchaus passieren, dass ich meine Haare direkt nach dem Aufstehen zu einem Zopf binde und der dann unbeachtet bis abends ungefähr so bleibt. Früher kontrollierte man seine Frisur noch in Schaufenstern und Autotüren, heute bin ich so damit beschäftigt die drei Hexlein nicht aus den Augen zu verlieren, dass dafür keine Zeit mehr bleibt. Und, dass ich eigentlich noch einen frischen Pullover hätte anziehen sollen, weil darauf ein grosser roter Tomatenfleck neben ein bisschen Zahnpasta und vielleicht noch etwas "Schnuddernase" in Koexistenz kleben, fällt mir frühestens dann wieder ein, wenn die Dame mir im Bus gegenüber so auffällig penetrant auf meinen Bauch starrt. Fett bin ich ja nicht, denke ich... Aha, dann muss es... Shite, mein Pullover. Habe ich Glück, ist es warm genug ihn auszuziehen und ich trage darunter ein vorzeigbares und vergleichbar sauberes Shirt oder aber... Vielleicht wäre umdrehen eine Option? Nun hält der Bus, wir müssen aussteigen, wo um Himmels Willen ist Twinhexlein A? Twinhexlein B sollte doch eigentlich dem grossen Hexlein die Hand geben! - - - -  Warum starrt die doofe Verkäuferin mir ständig auf meinen Bauch???

 

Und zu guter Letzt... Die Hormone, welche der weibliche Körper bei der Geburt ausschüttet, müssen irgendwie versteckte hausfrauliche Gene wecken. Seit im Mama bin mache ich mir Gedanken über gesunde Ernährung - die vorher hauptsächlich aus Pasta mit Fertigsauce und Joghurt mit Frühstücksflocken bestand - bin tatsächlich sogar stolz auf meine Fähigkeiten als Koch. Pflanze das Gemüse im Garten an, bin mittlerweile annähernd Profi im Einkochen, backe Kuchen, Kekse und Brot wie ein kleiner Bäckereibetrieb. Ich besitze eine Küchenmaschine, einen Einkochtopf, ein Bügeleisen inklusive Bügelbrett, eine breite Auswahl an Putzmitteln und habe mich tatsächlich über eine Tortenplatte und einen Entsafter zum Geburtstag gefreut. Ich bin plötzlich organisiert, häuslich, ordentlich,... Und befürchte, wenn ich mir die Diskussionen mit meinem Liebsten vor Augen führe, dass die gesteigerte Hormonausschüttung bei der Geburt der Zwillinge dazu führte, dass ich in gewissen Bereichen zu leichten Überreaktionen gekommen ist. Da gibt es ein System beim Einräumen des Geschirrspülers, da hätte eigentlich jedes Ding seinen Platz und Unordnung macht mich nervös und unruhig und plötzlich stören mich Falten in Kleidungsstücken... Also irgendwie eine hormonolle gesteuerte Deformation professionelle...

 

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