Schönfärberei bis hin zum Glück

Früher färbte ich kiloweise Dreieckstücher für meine Ferienlagerkinder. Oder Kleidungsstücke in einer Farbe, welche mir nicht mehr gefiel. Seit zehn Jahren lasse ich mir die Haare färben. Jeden Morgen kommt etwas Rouge auf meine blassen Wangen und die Wimperntusche verstärkt die Farbe (und Fülle) meiner Wimpern. Mit den Hexlein bastle ich Buntes und bringe Farbe in unsere Villa Kunterbunt.

 

Und ich betreibe mittlerweile hochprofessionell die Kunst der Schönfärberei.

 

Verschiedenste Studien zeigen: Eltern sind unglücklicher als ihre Vergleichsgruppe von kinderlosen Paaren. Nachdem das alles umfassende Hochgefühl - wunderbar unterstützt durch tausende glücklich machende Hormone, welche den geschundenen Körper der Frau nach einer Geburt durchströmen - langsam abgeklungen ist, kommt also ziemlich schnell der tiefe Fall. Da sitzt sie nun, die Frau Mama. Noch immer fett, wund an allen erdenklichen Stellen, ungeduscht und sicher hungrig, das süsse Baby brüllt und brüllt, der Ehegatte an ihrer Seite hat sich innerlich laut jubelnd in seinen Arbeitstag aufgemacht... Und die zwanghaft glückliche Mama fühlt sich alles andere als glücklich und fragt sich irgendwann, was wohl gewesen wäre, wäre irgendeine andere Mama da draussen ehrlich zu ihr gewesen, bevor sie diesem Trugschluss - "Kind=Sinn des Lebens=Glück pur" aufgestiegen ist.

 

Wahrscheinlich nichts... Wahrscheinlich hätte sich gar nichts geändert und sie sässe nun trotzdem da, wo sie jetzt sitzt. Weil mit dem Kinderkriegen verhält es sich irgendwie ähnlich wie mit dem ersten Vollrausch und anschliessendem Klobesuch mit verdrehten Ausgängen. Immer wieder wurden wir in Jugendjahren von weisen Erwachsenen davor gewarnt zu viel Alkohol in zu kurzer Zeit zu konsumieren. Und trotzdem taten es die Meisten von uns irgendwann doch und einige wahrscheinlich sogar mehrmals und vielleicht auch heute noch dann und wann. So eine dieser Erfahrungen also, die wir selber machen müssen, bevor wir glauben, was die Erfahrenen uns darüber so berichten. Und ich glaube, mit dem Elternwerden verhält es sich ähnlich. Mit dem Unterschied, dass uns davor selten jemand warnt - im Gegenteil - in höchsten Tönen wird dieses unfassbare und anders unerreichbare Glück gepriesen. Und mit dem anderen Unterschied, dass der Kater nach dem Rausch in der Regel nach einem, je nach Alter zwei Tagen wieder ausgezogen ist, während das bei Kindern meistens deutlich länger dauert.

 

Da sitzt man nun also. Plötzlich Mutter eines brüllenden Babys. Powischerin, Breikocherin, Putzfrau und Anbrüllobjekt statt erfolgreich in der Arbeit und sexy im Privatleben. Und fühlt sich fürchterlich schlecht, weil man dieses vorausgesagte und gepriesene allumfassende Glücksgefühl nicht fühlt, wie man es gemäss nahem und erweitertem Umfeld fühlen müsste. Die meisten der wenigen ruhigen Momente nutzt man ab sofort dazu intensiv darüber nachzudenken, warum man denn so komisch ist und so anders ist und so undankbar unglücklich und gestresst und genervt, während rundherum alles in den buntesten Farben zu leuchten scheint.

 

Auch hier ist die Frau perfekt fürs Muttersein eingerichtet. Bevor sie sich nämlich durch ihre Selbstzweifel unterkriegen lässt, beherrscht sie quasi über Nacht die grandiose Fähigkeit der Schönfärberei. Manchmal belügt sie damit erstmal nur alle anderen, irgendwann meistens dann auch sich selber. Weil keine Mama öffentlich zugeben möchte (oder vor lauter bunt vor den Augen nicht kann), dass die Hormonkur einer Geburt nicht sehr nachhaltig ist, scheinen Mütter untereinander in einen regelrechten Wettstreit in Schönfärberei auszubrechen. Je ruhiger das Baby, je erfüllter das Sexualleben, je abwechslungsreicher der Speiseplan, je schneller wieder schlank und sportlich,... desto erfüllter, glücklicher, farbiger und eben präsentabler das eigene Leben. Schade nur, dass dabei für Individualität und Andersartigkeit kaum mehr Platz ist. Die Farben sind vorgegeben, fast wie beim Malen nach Zahlen.

 

Das Leben ist wunderbar. Das Leben ist so erfüllend. Frau fühlt sich so unfassbar glücklich.

Knapp drei Monate nach der Geburt passt sie bereits wieder in ihre alten Jeans

(was natürlich kein Wunder ist, weil sie vor lauter Versuchen das dauerbrüllende Baby zu beruhigen bereits mehrfach kurz vor dem Hungertod stand und zudem muss ja auch niemand wissen, dass der tolle farbige Gürtel nicht dazu da ist die zu weite Hose an Ort und Stelle zu halten, sondern dezent zu verstecken, dass die schätzungsweise 37 Versuche den Knopf zu schliessen erfolglos waren...)

und fühlt sich auch sonst absolut wohl in ihrem Körper

(was tatsächlich nicht gelogen ist. Weil er früher einmal knapp 60kg wog, dann satte 32kg an Baby, Wasser und Fett zulegte, fühlt sich mit gewogenen 75kg tatsächlich leicht wie eine Feder). Der süsse kleine Wonneproppen schläft bereits nach wenigen Wochen durch

(das behaupten mitunter vor allem die Väter, weil die Evolution sie von diesem "Ich erwache bei jedem kleinsten Geräusch-Gen" verschonte und somit die Nacharbeit primär bei den Müttern bleibt)

und auch das Stillen klappt wunderbar

(nachdem die blutenden Brustwarzen mit kiloweise Fettcreme eingestrichen sind und dem Kind heimlich vor allem Pulvermilch gefüttert wird, schmerzt wenigstens das T-Shirt auf der Brust nicht mehr).

Die Beziehung von Mama und Papa ist erfüllter denn je

(sie haben nun nämlich mehrere zusätzliche Stunden Zeit sich zu streiten und wieder zu versöhnen, wobei das Versöhnen - je nach Art - manchmal auch einige Tage warten muss - und Gründe zum Streiten findet man zwischen 23 Uhr und 5 Uhr morgens nach einigen Wochen akuten Schlafmangels zur Genüge)

und nachdem die kurzzeitige Turnhalle 

(mit intensiver Rückbildung - hahahaha, wer wagt sich denn mit Schreibaby in einen Rückbildungskurs und sowieso...)

wieder zur kleinen Abstellkammer umgebaut wurde, wird auch im ehelichen Sexleben wieder alles wie früher

(nun, in Anbetracht dessen, dass man eigentlich sowieso viel zu müde für irgendwelche körperlichen Aktivitäten ist, kann es allenfalls durchaus erregend sein, wenn der mögliche Orgasmus sich ein Wettrennen mit dem möglichen Gebrüll aus dem Babyphone liefert. Egal wer schlussendlich gewinnt, je schneller desto besser, weil bereits wird die Zeit zwischen Einschlafen und wieder Aufstehenmüssen furchterregend klein...).

 

Ich färbe mir also mein Leben schön und könnte die Liste meiner Schwindeleien noch ganz lange fortsetzen... Ich kann mir nämlich durchaus Schöneres und Erfüllenderes vorstellen, als mich jeden Morgen erst einmal mindestens doppelt für zehn bis fünfzehn Minuten anbrüllen zu lassen, weil den Hexlein die aufgrund der Wetterlage von der Mama festgelegte Kleiderordnung nicht genehm ist. Irgendwie habe ich mir Glück tatsächlich irgendwie anders vorgestellt, damals in meiner kinderlosen Zeit... Aber zuzugeben, dass ich in der Regel vor 8 Uhr morgens beinahe sämtliche vorhandene Tagesenergie brauche, um nicht schon vor dem Frühstück die paar nach einer wunderbaren 8-Stunden-Nacht verblieben Restnerven zu verlieren, kommt im Märchen der glücklichen Mütter nicht in Frage. Wagt man es ausnahmsweise trotzdem, wird man in der Regel mit umgehender Verurteilung zur "überforderten und undankbaren Mutter" bestraft und damit im Spiel der Schönfärberei einige Felder zurückgeworfen. Nun muss man sich all das Glück und all das Wunderbare wieder eine Weile sehr intensiv einreden, damit man es nicht nur allen anderen, sondern auch sich selber glauben machen kann.

 

Zum Glück ist Glück sehr subjektiv, darum eigentlich nicht messbar und auch nicht mit anderem und nicht erlebtem Glück vergleichbar. Wer weiss denn, wie wir uns hier und heute fühlen würden, hätten wir das Kinderkriegen einfach bleiben lassen. Auch das empfundene Glücksgefühl von Paaren mit Kindern verändert sich im Laufe der Zeit - ein Auf- und Ab wie auf einer Achterbahn. Einer Achterbahn mit umgekehrtem Ziel. Denn meist zieht das Glücksgefühl bei Eltern spätestens mit dem Auszug der glücklich aufgezogenen Kinderschar wieder ein, während kinderlose Vergleichspaare zum selben Zeitpunkt sich mindestens auf Talfahrt befinden. So färben wir also fleissig weiter... Kindergesichter, graue Haare, blasse Wangen, tonnenweise Papier bunt bemalt von glücklich pinselnden Kindern,... und eben auch unser Leben irgendwie. Und während uns die ganze Schönfärberei einerseits über Wasser hält, rettet sie uns andererseits auch wirkliche und wahre und gänzlich ungefärbte Glücksmomente. Von denen, das behaupte ich, mit Kindern deutlich mehr gibt, als ohne die kleinen Plagegeister. Zudem hat die Schönfärberei noch eine weitere hervorragende Eigenschaft. Sie hilft uns stets nach dem nächsten Schritt zu streben. Denn während wir in unseren Köpfen darüber brüten, wie es denn dann wäre, wäre es perfekt, suchen und planen wir gleichzeitig automatisch den Weg dahin. So entstand aus Frustration und Langeweile über mein neues Dasein als Mama und Hausfrau ein Gartenparadies mit ganz viel eigenem Gemüse, einen Schrank voller eingemachter Leckereien und dieser Blog... Wer weiss, was ich mir für die Zukunft noch alles so Ausmale...

 

Und wenn einmal gar nichts mehr geht (was übrigens weit häufiger und regelmässiger vorkommt, als ich jemals zugeben würde, weil das eben nicht bunt, sondern grau und düster ist...) bleibt immer noch mein liebster Spruch:

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