Hat ein Brutkasten Anrecht auf körperliche Integrität?

Ein paar Tage noch und die Geburt der Twin-Hexlein liegt auch schon wieder drei Jahre zurück. Kürzlich habe ich nachdem Duschen festgestellt, dass eine Erinnerung daran - meine Kaiserschnittnarbe - schon beinahe vollkommen verblasst ist. Und irgendwie hat mich das traurig gestimmt. Sie hat mich nämlich nie gestört, im Gegenteil. Irgendwie war sie für mich fast ein wenig ein Mahnmal, an einen Moment in meinem Leben, der so viel Freude und Glück und Erleichterung brachte. Aber auch ganz viel andere Gefühle zurück liess.

 

Als ich das erste Mal - mit dem grossen Hexlein - schwanger war, merkte ich sehr rasch, dass mein Körper nun nicht mehr einfach mein Körper ist, sondern eigentlich vor allem Brutkasten für einen neuen Erdenbürger. Etwas, was mich natürlich mit Stolz erfüllte. Dem Stolz einer werdenden Mama. Und mit Freude und Dankbarkeit, dass mein Körper all die Veränderungen so problemlos mitmachte und sich unser Baby ungestört und gesund entwickelte. Gleichzeitig aber fühlte ich mich in vielen Situationen auch sehr unwohl, irgendwie übersehen und reduziert auf diesen dicken Bauch und all die dazugehörigen Organe. Nun schliesslich war es für mich eine völlig neue Erfahrung, dass regelmässig ein Arzt in mein Heiligtum schaut und ich mich völlig selbstverständlich mit völlig fremden Menschen über so intime Dinge wie Stuhlgang, Brustwarzen etc. unterhalten sollte. Und dann kommt der Tag der Geburt des kleinen Menschlein und für mich rückblickend eine Situation oder ein Ereignis, dass mir ganz viel meiner körperlichen Integrität genommen hat.

Natürlich, auch ich wollte im Prinzip in diesem Moment nichts anderes, als dass mein Hexlein gesund und komplikationslos das Licht der Welt erblickte. Aber... Ich wollte auch nicht vollkommen nackig in einer viel zu grossen Badewanne herumrutschen. Oder bei offener Türe das komplette Spital Zusammenbrüllen wie ein abgestochenes Schwein im Todeskampf. Und ganz sicher nicht wollte ich - selber noch völlig im hormonellen Gefühlschaos - einige Stunden nach der Geburt des Hexleins von einer gestressten Hebamme hören, dass meine Brustwarzen aber auch so ganz und gar nicht stillgeeignet seien. In der Situation selber überwogen erst Schmerz und Angst und dann ein absolut vollkommenes Glücksgefühl und dann bleierne Erschöpfung. Und irgendwann im Nachhinein, vielleicht Wochen oder Monate später, als mein Körper endlich wieder vollständig mir selber gehörte, spürte ich in mir drin irgendwo dieses Nagen. Noch etwas später wurde mir dann klar, dass ich mich in meiner körperlichen Integrität verletzt fühlte. Ich fühlte mich reduziert auf meinen Auftrag als Brutkasten, Gebärmaschine und Milchproduzentin und nicht mehr als Person mit Körper UND Gefühl respektiert.

Dann wurde ich wieder schwanger und diesmal mit den Twin-Hexlein und diesmal war meine Verantwortung als Brutkasten noch grösser. Und das Gefühl des Reduziert-Werdens darauf, dass mein Körper (und damit verbunden der Rest von mir) nur noch dazu da ist, gesunde Twin-Hexlein zu brüten und zu gebären. Wobei, beim Thema Geburt hatte ich eigentlich sowieso nichts mitzureden. Die Ärzte entschieden völlig selbstverständlich und ohne grosse Worte und Erklärungen, dass sogenannte monochoriale-monoamniote Zwillinge selbstverständlich per Kaiserschnitt zur Welt zu kommen haben. Punkt. Klar, ich bin keine sehr risikofreudige Person und garantiert nicht, wenn es um meine eigenen Kinder geht. Aber hey, darüber unterhalten hätte ich mich dennoch gerne... Zumal der Brutkasten ja eben eigentlich mein Körper gewesen wäre. So trug ich den stetig wachsenden und mich in meiner Beweglichkeit immer einschränkenderen Brutkasten also beinahe wöchentlich ins Spital, um dort in Massen anderer Brutkästen gewogen zu werden, Blut abgeben zu müssen, in Becher zu pinkeln und mein Körper von oben bis unten (vor allem unten) inspizieren zu lassen. Und blickte mit Angst und Vorfreude und Erleichterung dem von den Ärzten festgelegten Geburtstag meiner Hexlein Nummer 2 & 3 entgegen.

Dann - schwankend zwischen um Himmels Willen und Panik hoch zehn und grosser Erleichterung und Vorfreude - war er da, dieser Tag. Der Tag an dem meine Twin-Hexlein winzig, zerknautscht, aber gesund und munter zur Welt kamen... Und ich meine körperliche Integrität und irgendwie ganz viel Würde fast vollständig verlor. Bis heute kann ich - abgesehen davon, dass das Resultat das (oder die) langersehnte(n) Baby/Babies ist - mit einem Kaiserschnitt keinerlei Geburtsgefühle zusammenbringen. Es ist ein Akt, eine erstaunlich kurze Operation. Kein Gebären, sondern ein "aus dem Brutkasten herausschneiden". Klar, für ein solches Ärzteteam ist das eine Routinesache. Die tun das täglich, vielleicht sogar mehrmals und da ist auch nichts, warum man ein Schamgefühl entwickeln müsste. Weil, da liegt ja nicht eine nackte, frierende Frau, sondern ein Stück Fleisch, das ein Baby ausgebrütet hat, das es nun unversehrt heraus zu holen hat. Für mich war das aber übrigens nicht so alltäglich. Ich fühlte mich unwohl, so vollkommen nackt mit Katheter und bewegungsunfähig vor zahlreichen fremden Menschen zu liegen und einfach komplett abhängig zu sein. Die ganzen Monate vorher hatte ich so viel Verantwortung zu tragen, jetzt musste ich inkl. meiner Kleidung alles abgeben. Selbst der Zeitpunkt, wann ich denn nun danach meine Hexlein sehen durfte, lag völlig in den Händen der Ärzte. Als am Morgen nach dem Kaiserschnitt - Brutkasten nun hoffentlich bald Milchbar - ich gerade wieder entblösst und beidseitig an der Melkmaschine hängend, die Arztvisite in mein Zimmer spazierte und nicht im Entferntesten auf die Idee kam, dass ich mich vielleicht ein bisschen bedecken möchte, wusste ich, ich muss nach Hause. Und wieder eins werden mit meinem Körper. Wieder Frau werden, Frau mit Körper und Seele.

 

Um Missverständnisse vorzubeugen, ich bin unglaublich dankbar. Ich durfte zwei unterschiedliche, aber beide Male komplikationslose Geburten erleben und habe drei absolut gesunde Hexlein an meiner Hand. Und es ist mir absolut bewusst, dass nicht jede Frau dieses unglaubliche Glück hat. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen wollte ich meine Gefühle und Gedanken loswerden. Irgendwie haben die nämlich - auch wenn sie eben da sind - im ganzen Freuen und im ganzen Glück rund um eine Geburt keinen Platz. Sie gehören aber - zumindest ich habe es so erlebt - mit dazu und brauchen ihre Beachtung. 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0