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Perfekt, perfekter, Mama... Vom ewigen Streben nach mütterlicher Superperfektion

Während der eine Mensch sich mit einem befriedigenden Mittelmass zufrieden gibt (und auch zufrieden ist), genügt sich der andere kaum je. Schliesslich muss es noch besser, noch schneller und noch grösser gehen, es muss! Ein Anflug eines befriedigten Glücksgefühls stellt sich frühestens dann ein, wenn man definitiv (und von Aussen auch festgestellt) erfolgreicher war, als irgend jemand, mit dem man sich vergleichen könnte. Das wären dann die sogenannten Perfektionisten. Grundsätzlich keine verachtenswerte Eigenschaft, dieser Perfektionismus. Allerdings kann diese Sorte Mensch gerade für sein nächstes Umfeld ziemlich anstrengend sein... Weil schliesslich ist kein Mensch perfekt, was der Perfektionist zwar weiss, aber irgendwie einfach nicht verinnerlichen kann und so wird der unperfekte Perfektionist ziemlich schnell zu einem sehr unzufriedenen Möchtegernperfektionisten und so.

 

Die schlimmsten Perfektionisten sind Mütter. Da ich sowohl zur Gattung "Mutter" als auch zur Gattung "perfektionistisch veranlagter Mensch" gehöre, darf ich das aus eigener Erfahrung so behaupten.

 

Eines Tages wirst Du Mutter. Der erste Teil dieser Angelegenheit wird vom Körper eigentlich ziemlich in Eigenregie übernommen und es gibt dabei nicht so viel, was man beeinflussen oder eben perfektionieren könnte. Wobei, zukünftige Mütter und erfahrene Mütter auch da bereits diverse Möglichkeiten finden, sich gegenseitig zur Perfektion zu peitschen oder eben, die unperfekte Perfektionistin zu deprimieren, weil diese Schwangerschaft nun doch - das musst Du doch zugeben - nicht so perfekt war und schliesslich ist eine natürliche Geburt einem Kaiserschnitt noch immer vorzuziehen, der perfekte Abschluss eben, einer perfekten Schwangerschaft. Ernährt die Neumutter ihr Baby dann nicht an der Mutterbrust, sondern füttert es aus irgendwelchen Gründen mit industriellem Milchpulver aus der Flasche, ist der Weg zur perfekten Mutter eigentlich bereits verbaut. Wobei, auch hier gibt es noch Abstufungen... Ist das Milchpulver wenigstens nicht von dieser einen Firma und so, dann hat man die Chance innerhalb der Unperfekten ein hohes Mass an Perfektion zu erreichen. Immerhin... Kurzfristig zumindest.

 

Mütter schaukeln sich gegenseitig zu Superperfektionismus auf. Durchschnitt genügt längst nicht mehr. Nehmen wir Marions Beispiel mit der Geburtstagstorte (Kommentar bei  "Endlich Frühling - auch bei mir"): Kind ist grosser Frozenfan. Und da diverse Pullover, Kleidchen und Unterhosen mit dem Motiv der Eiskönigin nicht genug sind, wünscht es sich zum Geburtstag eine Torte mit dem bewunderten Idol. Dein Wunsch ist mir Befehl, Tochter. Und nun könnte Mama ja eigentlich einfach einen Schokoladenkuchen backen, eine kleine Figur drauf stellen und vielleicht mit etwas Puderzucker das Schneegestöber nachahmen. Das Kind wäre glücklich, ganz sicher. Aber Mama nicht... Weil sie ja, in masochistischer Absicht Mitglied diverser Koch-, Back- und anderen Müttergruppen ist (darüber habe ich mich auch schon ausgelassen: "Facebook - der Mütter (Sozial-)Leben") und da regelmässig mitverfolgen kann, wie Perfektionistinnen und Superperfektionistinnen und diverse, welche das werden möchten sich mit "Elsa-Torten-Kreationen" überbieten. Also springt die ebenso furchtbar perfektionistisch veranlagte Mutter auf diesen Zug auf und stellt sich bis spät nachts in die Küche und bäckt... Eine wundervolle Torte, die aber immer noch überall Fehler hat. Dem Töchterlein ist das egal, es strahlt, isst einen Bissen, geht wieder spielen und 3/4 der mit Liebe gebackenen Torte landet dann schlussendlich im Mülleimer. Und Mama...? Die ist allerhöchsten ein bisschen zufrieden. Zum Glück hat das Töchterlein nächstes Jahr wieder Geburtstag.

 

Und so peitschten sich die unersättlichen Mütter ständig weiter in Richtung angebliche Superperfektion. Die perfekte Mutter wird niemals laut, hat immer Verständnis und ist immer da, liebevoll und ideenreich. Mit durchschnittlichen Herausforderungen der schon bei der fremdgesteuerten Wahl der Geburtsart gescheiterten Durchschnittsmutter hat eine perfekte Mutter nichts zu tun. Denn Kinder perfekter Mütter trotzen nicht - weil die perfekten Mütter schon vorgeburtlich sämtliche Schriften von Jesper Juul und wie sie alle heissen verinnerlicht haben.. Nebst dreimal täglich Staubsaugen beschäftigt sich die perfekte Mutter mit veganer Küche und die Kinder essen tatsächlich ohne zu Murren, was Mama auf den Tisch stellt, äh zaubert. Zudem hat sich die perfekte Mutter natürlich auch noch ein sehr erfolgreiches Online-Geschäft aufgebaut, wahrscheinlich mit in tiefer Hingabe selbstgenähten Kinderkleidern und hat selbstverständlich auch ein sehr erfülltes Sexualleben.

 

Jede Mama möchte für ihre Kinder die perfekte Mutter sein. Dazu erfolgreich. Und sexy. Und liebenswert. Und... Und je perfekter sich all die Mütter um uns herum darstellen, desto mehr Perfektionismus glauben wir zu brauchen, um unserem Idealbild näher zu kommen. Wer schreit schon gerne bereits kurz vor acht das erste Mal... Wer würde es nicht vorziehen sämtliche Brüll- und Tobanfälle der Sprösslinge einfach mit einem Lächeln und einer herzlichen Umarmung beenden zu können, anstatt die tobende Brut mit gesenktem Blick und hochrotem Kopf am Ärmel aus der Migros zu transportieren. Wer möchte nicht abends zu Bett gehen und sich an Kinderlächeln erinnern, anstatt ans obligate Drama ums Zähneputzen oder die handgreiflichen Streitigkeiten zwischen Twin A und Twin B, wer denn nun heute die Gute-Nacht-Geschichte aussuchen darf... Solange uns unsere Leidensgenossinnen suggerieren, dass all das in ihrer perfekten Welt nicht vorkommt (also das, nach dem anstatt...), solange werden wir an der angestrebten Erfüllung unserer mütterlichen Aufgaben zweifeln.

 

Wie bereits angetönt, ich zähle mich ebenfalls zur Art der Perfektionisten. Ich bin zwar von Natur aus  nicht sonderlich ausdauernd und habe beispielsweise das Nähen wieder aufgegeben, weil es mir einfach zu anstrengend ist zentimetergenau nach Schnittmuster zu arbeiten und möglichst exakte Linien zu nähen. Ok, auch ein bisschen, weil es mir scheint, dass alle Mütter irgendwann anfangen süsse Kinderkleidchen zu nähen und ich ja keinesfalls sein möchte, wie alle Mütter... Ausser natürlich, ich wäre in dem bestimmten Bereich zwar wie alle aber besser und das bin ich beim Nähen definitiv nicht. Noch nicht... Also gut, ja, ich bin eine elendige Perfektionistin und zwar eine mit sämtlichen Nebenwirkungen! Ich führe das nun nicht genauer aus...

 

Aber - ja klar, muss sie sich nun wieder herausreden - ich bin Perfektionistin meiner selbst willen. Will heissen, ich brauche ein gewisses Mass an Perfektionismus damit ich mich gut fühle. Ich schlafe besser, wenn die Küche aufgeräumt ist. Es macht mich nervös, wenn abends noch überall Spielzeug liegt. Ich mag meinen Liebsten abends lieber als Ehefrau, denn als abgekämpfte Versagermutter begrüssen. Ich möchte daneben auch gute Freundin sein. Ich bin unendlich stolz darauf, dass alle meine diesjährigen Pflanzen im Garten von mir aufgezogen wurden und nicht als Setzlinge gekauft. Ich behaupte, ich vergleiche mich nicht andauernd mit anderen. Ich kann mich auch perfekt fühlen ohne zu wissen, dass ich jetzt besser war, als jemand anders. Meine Perfektion hat ihren eigenen inneren Massstab. Nichts desto trotz laufe auch ich immer wieder Gefahr mich auf irgendwelche imaginären Tortenbackwettkämpfe einzulassen...

 

Dabei geht so oft vergessen - und leider mehr als vergessen - dass wir für unsere Kinder längst perfekt sind. Gestern stiess ich zufällig auf diese unglaublich schnulzige und rührselige Migroswerbung zum Muttertag. Irgendwie hat sie mich zu Tränen gerührt und mir wieder einmal vor Augen geführt... Ich bin perfekt! Egal wie unperfekt ich bin. Für genau die drei Hexlein hier bin ich einfach genau richtig. Und darum verdienen sie ein wenig weniger Perfektionismus und somit ein bisschen mehr Entspannung, Gelassenheit und Freude an den kleinen Dinge.

 

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