· 

Durchsetzungsvermögen? - Weg gebrüllt!

Ich bei der abendlichen Selbstreflexion... Habe jetzt ich  mich durchgesetzt oder einfach die Müdigkeit gesiegt...?
Ich bei der abendlichen Selbstreflexion... Habe jetzt ich mich durchgesetzt oder einfach die Müdigkeit gesiegt...?

Manchmal, im Moment eigentlich ehrlicherweise ziemlich oft, sitze ich abends bei einem Glas Wein gemütlich auf der Terrasse und frage mich, was in Dreiteufelsnamen ich eigentlich falsch mache... Die Schuld für die täglichen Dauerdramen auf den Vollmond, den Leermond, den Wetterwechsel oder sonst was zu schieben, damit kann ich mich irgendwie nicht mehr so richtig trösten. Wenn wir an einem Tag neun Uhr erreichen, ohne dass die Mädels sich bereits mindestens zehn Mal in unterschiedlichen Konstellationen gestritten hätten und sich nicht mindestens zwei von drei Hexlein aufgrund irgendwelchen Nichtigkeiten (aus meiner Perspektive natürlich) theatralisch und laut heulend irgendwo auf den Boden geschmissen haben, ist das ein hervorragender Tag. Und ungefähr so selten wie ein Lotto-Gewinn. Muss sich im übrigen ähnlich wundervoll anfühlen, die richtigen Zahlen getippt zu haben, wie den Becher oder die Unterhose in der richtigen Farbe erwischt zu haben.

 

So sitze ich also öfters abends da und grüble... Geplagt vom schlechten Gewissen - weil ich wieder mindestens ebenso oft wie die Hexlein gebrüllt haben irgendwann zurück gebrüllt habe und weil mich schon um 21 Uhr abends das Grauen packt, wenn ich daran denke, dass in gut zehn Stunden der nächste Tag beginnt. Und weil Selbsterkenntnis ja bekanntlich der beste Weg zur Besserung ist, versuche ich mich trotz Frustration, bleierner Müdigkeit und steigendem Alkoholpegel brav zu reflektieren und...

 

Vor ein paar Tagen habe ich eine neue Erkenntnis gewonnen... Ich besitze offenbar absolut kein Durchsetzungsvermögen (mehr). Null! Und, wenn da mal ein winziger Ansatz aufflackert, dann wird der von den Hexlein innert Sekunden weg gebrüllt. Noch schlimmer, als die eigentliche Erkenntnis traf mich dann beim alkoholgeschwängerten Selbstreflektieren die Folgeerkenntnis... Ich werde meine Mädchen niemals anständig erziehen können, weil zu Erziehung gehört - logisch - sich durchzusetzen und das ist natürlich etwas schwierig, ohne Durchsetzungsvermögen. Und ich stellte gleichzeitig fest, dass es auch mit meiner Selbstreflexion nicht ganz so klappt, wie es sollte, weil eben dieses "Du merkst aber schon, dass Deine Töchter Dir ordentlich auf der Nase herumtanzen" mir in bekannten und weniger bekannten Kreisen doch schon des Öfteren mitgeteilt wurde. Hey, immerhin besitze ich offenbar die Begabung der Verdrängung sehr ausgeprägt.


Eigentlich gewann ich die Erkenntnis bezüglich diesem Durchsetzungsvermögen bereits am Nachmittag, bloss da war sie eben noch unreflektiert. Es war einer dieser Nachmittage, an denen draussen wunderbares Wetter war. Die Sonne schien warm, die Vögel zwitscherten, die Gurken im Gewächshaus hatten Durst, das Unkraut wucherte überall und die Schnecken verkrochen sich im Salat. Wir - also ich und meine Hexlein - sassen in der Küche und die Twin-Hexlein waren begeistert damit beschäftigt grosses Papier zu tausenden winzigen Papierstückchen zu verarbeiten. Nicht, dass ich ihnen das eigentlich untersagt hätte, weil natürlich ich wieder diejenige sein würde, welche diese vielen... Ach egal. Abgesehen davon, dass sie eigentlich nicht zum bereits dritten Mal an diesem Tag hätten Papierschnipsel produzieren sollen, wollte ich eigentlich das schöne Wetter im Garten geniessen... Sie wollten nicht. Sie haben gewonnen. Wie so oft...

 

Ich sass - völlig der Situation ergeben - daneben und surfte ein bisschen gelangweilt durch die Parallelwelt der Facebook-Müttergruppen. Vielleicht auf der Suche nach wenigstens ein, zwei Gleichgesinnten oder vielleicht auch nur zur Selbstgeisselung, weil so wirklich förderlich für das mütterliche Selbstbewusstsein sind diese Gruppen in der Regel nicht. Leicht gefrustet und auf der Suche nach etwas Ablenkung vom ja sowieso unvermeidbaren Chaos auf, unter und um meinen Küchentisch kam mir die folgende Diskussion gerade recht.

Da schrieb eine ziemlich offensichtlich leicht verzweifelte Zwillingsmama (eigentlich gehört Zwillingsmama und verzweifelt untrennbar zusammen) von ihren kleinen Babies, welche sich nur tragenderweise beruhigen oder zum Schlafen bringen lassen würden. Erster Kommentar auf den Ausgangspost der armen Mama klang sinngemäss ungefähr so: Sie habe dieses Problem nicht und niemals gehabt, ganz einfach, weil sie ihre Kinder schlicht nie herumgetragen habe. Sie hätte sie halt einfach von Anfang an gar nicht daran gewöhnt. Aha, dachte ich, Mama einer mittlerweile wunderbaren Sechsjährigen, welche die ersten eineinhalb ihrer Lebensjahre mit Brüllen verbracht hatte - ausser eben, ich trug (später schleppte) sie eigentlich durchgehend mit mir herum. Mein Kampfgeist war gekitzelt und ich konnte nicht umhin der besagten Mama mit zu teilen, dass das meiner Meinung nach nichts mit "daran gewöhnen" zu tun habe und es tatsächlich Babies gäbe, welche dieses "Ich lege Dich jetzt zum Schlafen da in den Stubenwagen, mein Schatz" von Beginn an nicht tolerieren und sich im jüngsten Alter von wenigen Tagen bei diesem einen einzigen Versuch schon dermassen in Rage schreien, dass man Panik bekommt, das kleine Wesen würde demnächst explodieren. Ich dachte, ich darf das sagen, denn schliesslich kenne ich das ja. Lange Rede, kurzer Sinn, im Verlauf dieser Diskussion fiel es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen: Ich habe kein Durchsetzungsvermögen! Denn hätte ich damals meine winzige sich fast violett brüllende Tochter einfach liegen gelassen, anstatt angefangen sie in verzweifelten Tröstversuchen durch die Wohnung zu tragen, hätte sie heute wahrscheinlich bereits Maturität. Gut, ich neige zur Übertreibung, aber - ich hörte diese Meinung von "Verwöhnen" und "Selber Schuld" ja nicht zum ersten Mal - zumindest wären mir offenbar viele durchbrüllte Stunden, eingeschlafene Arme und schmerzende, steife Nackenmuskulatur erspart geblieben. Und wer weiss, vielleicht habe ich ja auch damals schon den Grundstein für diverse verwandte Dramen gelegt, welche mich seit bald sechs Jahren täglich begleiten. Dramen, in denen es ganz eindeutig darum geht, wer den stärkeren "Grind" hat, die Mama oder die Hexlein. Sie brüllen einfach lauter, als ihre mittlerweile chronische heisere Mutter und gewannen so irgendwann die Überhand im täglichen Kampf ums "Wer setzt sich nun durch".

 

Eigentlich dachte ich ja, das Trauma von damals hätte ich mittlerweile überwunden, trotz all der eindringlichen Reden irgendwelcher meist kinderloser Bekannter und Verwandter und all den anderen völlig unbekannten Mitmenschen, welche mir - ausgerechnet mir, der bereits ganz am Rand des Grates zwischen Verzweiflung und völliger Verzweiflung torkelnden Mutter - dauernd ungefragt weismachen wollten, dass ich dieses brüllende Kind doch einfach hinlegen und da brüllen lassen solle. Aha ja. Nachdem ich mich bis zum Ende der Brüllphase durchgesetzt hatte und das Kind halt immer und überall und dauernd mit mir herum getragen hatte und vor allem nachdem dieser brüllende kleine Wutzwerg mittlerweile eine wundervolle, selbstbewusste und selbstständige bald Sechsjährige ist, dachte ich über dieses Thema eigentlich nur noch mit Genugtuung nach. Die Frage nach dem "Was wäre wenn..." ist völlig unsinnig, klar, dennoch war ich der absoluten Überzeugung: Mein Verhalten haben sie mit zu dem werden lassen, was sie heute ist. Also, war es einfach nur richtig. 

 

Nun zweifle ich doch wieder daran, also nicht daran, dass meine Älteste einfach nur wunderbar ist, sondern an meinem Durchsetzungsvermögen. Beziehungsweise vielleicht eher auf die Wege meines Durchsetzungsvermögens... Vielleicht hätte ich mich ja damals doch all den Erziehungsratschlägen ergeben sollen, anstatt mich gegen all die ungefragten Erziehungsratgeber durchzusetzen.

Zurück zur Ausgangssituation - also nicht dem Alkohol und der Selbstreflexion, sondern dem Versitzen des schönen Sommertages in der mittlerweile immerhin sehr bunten Küche. Ich hatte eigentlich geplant - und weil ich weiss, dass die Hexlein ab und an nicht sehr flexibel sind, das auch bereits morgens angekündigt - nachdem Mittag nach draussen in den Garten zu gehen, die Sonne geniessen, den Hexlein beim Spielen zusehen und etwas Gartenarbeit erledigen. Die Hexlein wollten nicht. Ich wollte. Dann wollte eine, aber weil die andere nicht wollte, wollte sie dann auch nicht mehr. Ich wollte immer noch. Ich versuchte sie zu überzeugen. Ich versuchte MICH DURCHZUSETZEN... Das Ende der Geschichte kennst Du bereits - ich sass am Küchentisch führte eine Diskussion und gewann eine Erkenntnis. Und die Hexlein verteilten glücklich ihre Papierschnipsel nun auch im Wohnzimmer. Frustriert und immer noch verzweifelt auf der Suche nach einer mitfühlenden Gleichgesinnten kam ich - naiv wie ich mit 36ig offenbar immer noch bin - auf die glorreiche Idee, das Thema meiner "Stubenhocker-Kinder" in einer Müttergruppe zum Thema zu  machen. Was sollte ich auch sonst tun... An meinem Gute-Mutter-Auftrag die Kinder an die frische Luft zu bringen, war ich kläglich gescheitert und zum Staubsaugen hatte ich nun wirklich keine Lust (zumal ich das später ja sowieso tun müsste, Du erinnerst Dich an die Papierschnipsel...). 

Auf jeden Fall, nach den ersten drei Kommentaren war meine Erkenntnis in Stein gemeisselt und mein Selbstbewusstsein definitiv im Keller. Nicht, dass ich nicht nur kein Durchsetzungsvermögen besitze - sonst wäre ich ja jetzt mit den Kindern im Garten... ich habe auch einfach fürchterlich ungezogene Hexlein - weil sonst wäre ich im Garten und die Kinderlein vergnügt da, wo die Sonne garantiert nicht scheint. Gute und erfolgreiche Mütter kennen dieses Problem nämlich nicht. Da bestimmt die Mama das Programm und nicht die Kinder und wenn die Kinder nicht wollen, dann werden sie wollend gemacht. Wobei, das ist eigentlich niemals nötig, weil die wollen ja sowieso, weil deren Mamas es nicht verpasst haben, ihnen gleich nach der Geburt beizubringen, dass Programm ist, was die Mama will. Und ich...

 

Scheisse, ich habs verpasst... Ich meine, ich habe mich ja längst daran gewöhnt, dass meine wunderbaren herzigen Mädchen lieber laut zu singen anfangen, als sich anzuhören, was die Mama sagen möchte. Dass Bitten (oder auch Befehle, völlig egal) wie: "Bitte lasst das Bastelmaterial jetzt im Bastelzimmer, weil auf dem Esstisch möchten wir gleich essen." meistens exakt gegenteilig verstanden werden und sie zum Aufräumen anzuhalten, habe ich längst aufgegeben. Auf dem Familienbild der Königsfamilie sähe man den König, seine drei Prinzessinnen und dann vielleicht noch den Hofnarren. Der wäre dann ich. Lustig, doof und problemlos zu übersehen oder mindestens zu überhören und definitiv zu ignorieren.

 

Vielleicht gehe ich jetzt doch noch, sofort und gleich raus in den Garten und sammle ein bisschen Selbstvertrauen in Form von roten saftigen Erdbeeren... Und eigentlich - nachdem ich jetzt ein paar Tage darüber reflektiert habe, mit und ohne Alkohol - fühlt es sich gar nicht so dramatisch an, wie es hier nun klingt. Schliesslich werden meine Hexlein einmal die Weltherrschaft übernehmen oder mindestens eine grosse Firma leiten. Darum brauchen die Kinder all dieser durchsetzungsfähigen Mütter sich gar nicht durchzusetzen, denn später werden meine durchsetzungsstarken Töchter sich durchsetzen. Jawohl! Ha! Und spätestens dann bin ich dann auch wieder ein bisschen getröstet...

Kommentar schreiben

Kommentare: 0