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Es chrücht äs Schnäggli...

Eins...? Nein, gefühlte Millionen der gefrässigen Dinger kriechen zumindest aus Sicht meines Gartenherzes durch das Grün von Schlossgarten Kunterbunt. Grosse Weinbergschnecken, kleine Babyschnecken - welche den Hexlein regelmässig verzückte Schreie entlocken - und die hässlichen "Füdliblutten", welche sich mit schier unermesslichem Appetit über alles, was ich in den Garten pflanze hermachen.

Schnecken sammeln, bevorzugt natürlich die niiiiiiiiedliiiiiiichen Babyschnecken, finden meine drei Hexlein wunderbar. Zugegeben, mir sind die gefrässigen Biester auch um einiges lieber, als das aggressive Wespenvolk, welches sich unseren Dachboden als Siedlungsanlage ausgewählt hat. Auf jeden Fall werden die Schnecklein gesucht, mit verzücktem Geschrei gefunden um dann in liebevoll gestaltete Schneckenparadiesli in Untertellern, Sandeimerchen oder anderen mehr oder weniger geeigneten Gefässe anzusiedeln. Und allesamt Lilly zu taufen. Oder Lina. Ausnahmsweise einmal Leo. Auf jeden Fall scheinen Schnecken durchgehend auf Namen mit dem Anfangsbuchstaben "L" zu hören. Irgendwann, wenn sich die neuen Haustiere dann trotz viel Aufmerksamkeit und liebevollem "vom Rand wieder zurück ins Gefäss transportieren" in ihr Häuschen zurück ziehen, werden sie langweilig und vergessen und nützen diese Gelegenheit immer sofort, um aus dem vermeintlichen Schneckenparadies auszuziehen und sich zu ihren nackigen Artgenossen in meinen Salat zu gesellen. Von nun an bin ich wieder zuständig und während die füdliblutten Fressmaschinen in hohem Bogen auf des Nachbars Wiese landen (alles andere wäre schlecht für mein Karma und das leidet aktuell schon sehr unter der Wespenplage) setze ich die kleinen in den Häuschen meistens ziemlich geduldig irgendwo in den Kompost und hoffe, dass das Zurückkriechen länger dauert, als mein Salat mit Wachsen braucht.

Heute gab es übrigens "Schnäggli-Gratin" zum Mittagessen. Keine Sorge, ich weiss, dass Weinbergschnecken geschützt sind und ich glaube, da die Hexlein ganz genau wissen, dass Schnecken sich am Liebsten von Grünzeug, also von so gesundem und ergo absolut ungeniessbarem Gemüse ernähren, würden sie die Schnecken auch nicht essen. Das wäre schliesslich irgendwie wie der Wolf im Schafspelz oder die pürierten Rüebli in der Pastasauce. Geht gar nicht! Aber es gibt tatsächlich Pasta - *Achtung Werbung* - in der Migros, die heissen "Schnäggli". Die haben sich die Twinhexlein heute beim Einkaufen ausgesucht und so gab es zum Zmittag "Schnäggli-Gratin". Und weil garantiert war, dass die weder Gemüse sind noch Gemüse gegessen hatten und ich aufgrund geplanter Nervenschonung am ersten Tag nach den langen Sommerferien auch keine anderen Versuche unternommen hatte etwas chlorophyllhaltiges ins Mittagessen zu schmuggeln, waren die Teller ganz schnell leer.

Ich bin mir im Übrigen ganz sicher, dass Du beim Lesen des Titels dieses Textes zu singen angefangen hast oder zumindest Dir seither eine seit Kindertagen bekannte Melodie nicht mehr aus dem Kopf geht. Doch? Jetzt dann gleich ganz sicher nicht mehr:

 

"Es chrücht äs Schnäggli, es chrücht äs Schnäggli, s`Bergli uuf, s`Bergli uuf. Äne wieder abe, äne wieder abe, uf em Buuch, uf em Buuch." 

 

Entschuldige, aber das war wahrscheinlich einer der ersten Kontakte mit Musik, welche die Hexlein und tausende andere Kinder gemacht haben. Abgesehen von Fisherspooner oder Nine Inch Nails noch im Bauch und lange vor Elsas "Let it go" oder dem Papageien der Schlieremer Chind. Und ich singe es heute noch ab und zu, mittlerweile in etwas abgeänderter Form... Dabei kriecht nicht ein Schnecklein, sondern meistens Twinhexlein B und auch garantiert nicht mehr "äne abe", wenn sie dann endlich mit viel Gebrüll und Geschimpfe den harten Aufstieg zu Schloss Kunterbunt geschafft hat.

 

Nun aber zum eigentlichen Thema dieses Textes. Wobei wir beim Schnäggli schon irgendwie bleiben. Was um Himmels Willen haben all die oben beschriebenen Dinge mit dem weiblichen Geschlechtsteil zu tun?!?! Kürzlich verfolgte ich - natürlich in einer Facebook-Müttergruppe - wieder einmal eine dieser zahlreichen Diskussionen, wie denn nun die Geschlechtsteile von Männlein und Weiblein bezeichnet werden könnten. Und ein weiteres Mal war ich irgendwie ein bisschen entsetzt. Einerseits darüber, dass noch immer so viele Mamas (und Papas) so unglaublich verklemmt mit diesem Thema umgehen und andererseits, wie viele "Schnäggli" da unterwegs sind. Klar, wir Erwachsenen neigen dazu in Anwesenheit (und leider oftmals dann irgendwann auch in Abwesenheit) kleiner Kinder alles, aber auch alles zu verniedlichen. Aus dem ausgewachsenen und 120 Kilogramm schweren Bernhardiner wird ein "Hündli", auf dem See schwimmen ganz viele "Entli" und zwischen den Beinen hat das Mädchen dann eben ein "Schnäggli". Ich habe drei Mädchen darum weiss ich ganz sicher, dass das da unten auch bei einem Baby-Mädchen gar nichts mit einer Schnecke zu tun hat. Weder mit der süssen mit dem Häuschen auf dem Rücken, noch mit der auf dem Teller und schon gar nicht mit diesen widerlichen Salatdieben. Und Verniedlichung hin- oder her niemals wäre ich auf die Idee gekommen einer meiner Töchter zu erklären, dass sie da unten ein "Schnäggli" hat, während ich Nacktschnecken verfluchend durch den Garten stampfe. Scho chly verwirrend, oder?

 

Experten sagen und ja, ich habe das nachgelesen also mich ein bisschen informiert, der Phantasie sei bei der Namensgebung der Geschlechtsteile eigentlich keine Grenzen gesetzt, wichtig sei, dass die Eltern mit den Kindern darüber sprechen und es kein Tabu ist. Und ja, ich gebe zu, ich spreche auch selten von Vagina oder Scheide oder Penis. Aber "Schnäggli"... Seien wir, wenn wir die Dinge schon nicht beim Namen nennen (können) doch wenigstens ein bisschen kreativ bei der Suche nach Alternativbezeichnungen. Verniedlichen alleine ist nämlich im Bezug auf Scheide, Vagina oder Penis zugegebenermassen ziemlich doof. "Scheideli", "Vaginli" oder "Penisli"... na ja. Zumal ich nicht weiss, wie toll es der stets gut bestückte Mann fände, wenn seine Kinder lauthals im Bus erzählen, dass der Papa auch ein "Penisli" hat. Das war nämlich eine Zeit lang der Twinhexlein liebstes Hobby, sich im Bus lautstark darüber zu unterhalten, wer denn nun alles ein "Schnäbi" und wer ein "Schlitzli" hat. "De Papa äs Näbi, de Basil äs Näbi, de Lolf äs Näbi...". Womit ich nun auch offen gelegt hätte, wie denn die besagten Dinge bei uns im Alltag so genannt werden. Ich behaupte, die Hexlein wissen sehr wohl auch was eine Scheide oder ein Penis ist.

 

Oder hat es vielleicht mit meinem zweiten Entsetzen beim verfolgen dieser Geschlechtsteil-Namensgebung zu tun, dem fürchterlichen Verklemmtsein, wenn es darum geht, dass Eltern ihren Kinderlein gegenüber zugeben sollten, dass es sowas wie Geschlechtsteile eben gibt und diese übrigens auch sehr beteiligt waren, als sie entstanden sind? Natürlich versteht meine vierjährige Tochter wahrscheinlich nicht wirklich, was Sex so genau ist und solange sie mich nicht danach fragt oder den Zufall der Zufälle trifft und genau während einer "elterlichen Vergnügungsminute" in unserem Schlafzimmer steht, werde ich wohl auch noch ein paar Jahre damit zu warten den Hexlein das im Detail zu erklären. Aber "Weisch, der Papi hat das Mami kützelet... hihihi..." ist irgendwie keine sehr sinnvolle Umschreibung von Geschlechtsverkehr. Aha, denkt sich das Kind, sich füdliblutt überall zu kitzeln ist also lustig und völlig normal. Sehr ideale Beschreibung, gell...? Bemerkt nun wahrscheinlich auch jeder, der ein bisschen weiter denkt. Bestimmt wäre es doch dann also einfach besser, dem Kind zu erklären, was es da eben gerade gesehen hat. Altersgerecht eben soweit es das verstehen kann. Ich behaupte, ein Kind, das alt genug ist, sich nachts ins Schlafzimmer der Eltern zu schleichen, so leise, dass diese es nicht hören (ja ja, ich bin ein bisschen paranoid und muss auch beim Sex ständig mit Katzenohren lauschen...), versteht wahrscheinlich auch sowas wie: Weisst Du, wir waren gerade im Begriff (seit ungefähr 176,8 Tagen das erste Mal übrigens!!!) Sex zu haben. Das machen erwachsene Menschen, wenn sie sich ganz fest gern haben und das einander zeigen möchten. Oder so. Ein ein bisschen älteres Kind wird das vielleicht sogar noch schön finden, wenn es erfährt, dass es bei sowas Schönem einmal entstanden ist. Ich meine ja nur, vielleicht, bevor es dann in Teenagerjahren innerliche Würgattacken bekommt, wenn es daran denkt, dass die mittlerweile uralten Eltern irgendwann einmal... Himmel, das ist fast noch schlimmer als sich seinen Lehrer und seine Frau dabei vorzustellen.

 

Meine Hexlein sind auf jeden Fall bereits soweit "aufgeklärt", dass mir meine damals knapp zweieinhalbjährige Tochter auf meinen Versuch hin ihr zu erklären, was ein Kaiserschnitt ist und warum die Mama dann ein paar Tage nicht zu Hause sein wird ohne lange Nachzudenken erklärte: "Nei Mama, Babies Fudi use, keis Loch im Buuch!" Ich hab ein bisschen gestaunt, ein bisschen geschluckt und dann war ich saumässig stolz! Auf dieses kleine unglaublich verständige Wesen und auf mich, weil ich darauf vertraut hatte, dass sie es verstehen kann, wenn ich ihr aufrichtig und echt erkläre, was da gerade passierte und passiert war.

 

Lassen wir also die Schnecken beim Salat oder den Berg hinauf kriechen, vergessen das mit den Bienen und den Blumen und so auch gleich und lassen uns von unseren Kindern allerhöchstens mit Fragen wie "Warum Regenwürmer nicht lesen können" oder "Warum die Sonne weiss, wann Morgen ist" ratlos stehen. Im Übrigen, Schnecken haben auch Sex...

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