· 

Zwillinge - Gleich oder gleich gemacht?

Kürzlich am Morgen fand ich mich, noch bevor die Hexlein wach waren mitten in einer dieser wiederholend geführten Diskussionen in sämtlichen Zwillingsforen. Darüber, ob Zwillinge gleich oder eben keinesfalls gleich angezogen werden sollten. Und warum es für die Persönlichkeitsentwicklung eben nicht sinnvoll sei und es trotzdem ganz viele Zwillingseltern tun.

"Ich", kommentierte ich ohne lange nachdenken zu müssen "ziehe meine beiden NIE gleich an. Wenn, dann trägt die Dritte im Bunde ebenfalls das Selbe." Das kommt zu speziellen Anlässen durchaus einmal vor. Aber nicht, weil ich das so unglaublich toll finde, sondern weil ich mit dem Kauf von drei identischen Kleidungsstücken langwierige Streitigkeiten - wer trägt nun was oder warum habe ausgerechnet ich diese Farbe bekommen - zu verhindern versuche. Ich liebe übrigens diese H&M "Drei für Zwei"-Aktionen. Endlich etwas, was dem Alltag mit drei Hexlein perfekt zugeschnitten ist.

 

Die Kleiderschränke der Twinhexlein - zwei, genau, für jede einen - verfügen also durchaus über ein paar identische Kleidungsstücke. Einerseits aus dem oben genannten Grund und andererseits weil der Zufall es so will, dass das grosse Hexlein den gleichen Geschmack hatte wie ihre Freundinnen, von denen wir regelmässig zu klein gewordene Kleider erhalten. Und damit fertig. Ich erinnere mich auch ohne identische Kleidung recht gut daran, dass sich Twinhexlein A und Twinhexlein B einst gemeinsam in meinem Bauch breit gemacht haben. Nötigenfalls erinnern mich fremde Menschen daran, regelmässig, wenn nicht zu sagen dauernd. Aber dazu später. Zu regelmässigen Streitigkeiten führen übrigens trotz aller Voraussicht auch die genau gleichen "Elsa-Rüschen-Kleidchen" - nämlich dann, wenn Twinhexlein B es am Montag schon trug, am Dienstag Twinhexlein A sich für eben dieses Kleidchen entscheidet und die Montags-Trägerin es dann eben weil es so schön ist, auch tragen möchte. Ein bisschen Tomatensauce ist da ja dann auch egal, aber dekoriert gleich mit einem ganzen Teller Spaghetti, nun...

 

Auf jeden Fall hatte ich an diesem besagten Morgen die Rechnung ohne die Twinhexlein gemacht, welche sich just an diesem Tag - an dem die Mama gross in der Mehrlingsgruppe tönte, dass ihre Zwillinge ja so gar nicht "zwillingisch" behandelt würden, entschieden heute im selben Outfit in die Spielgruppe zu wollen. Eigentlich war es mir, so zeigte sich ein bisschen später ganz recht, denn es verhinderte das eben erwähnte Morgendrama und zweitens zogen sie tatsächlich einmal etwas anderes als Leggins an. Offenbar ist so eine Hose nicht mehr ganz so unbequem, wenn die Schwester die gleiche trägt.

 

Und, der Entscheid meiner Twin-Töchterlein zum konformen Outfit konfrontierte mich - nach der morgendlichen Forumsdiskussion - gleich ein weiteres Mal mit der Frage nach "gleich der gleich gemacht?". So grüsste uns unser älterer Nachbar bei unserem Weg in die Spielgruppe ganz freundlich mit den Worten: Heute schaut ihr ja aus wie richtige Zwillinge! und da seine Begeisterung darüber ganz deutlich zu sehen war, liess ich den auf der Zunge liegenden dummen Spruch für einmal sein. Und irgendwie grinsten auch die Twinhexlein ganz zufrieden... "Richtige Zwillinge", so schloss ich, haben also als Einheit und möglichst gleich aufzutreten. Ansonsten sie ergo nicht als "richtige Zwillinge" durchgehen. 

 

Also, was nun? Liege ich mit meiner konsequenten Haltung zu differenten Outfits doch etwa auf dem falschen Kurs? Denn und das stelle ich bei den Twinhexlein immer wieder fest, so wichtig es ist Raum zu bekommen, die eigene Persönlichkeit zu entwickeln, so wichtig ist es eben auch, als das wahrgenommen zu werden, was man ist. Und das ist bei Zwillingen eben auch das Zwilling-Sein. Es ist ja doch ein bisschen was Spezielles und ich bin als Mama definitiv auch nicht gefeit davor, ab und an Stolz zu empfinden und das nicht bloss, weil sie meine Hexlein sind, sondern weil sie eben Zwillinge sind. (Wahrscheinlich hängt das damit zusammen - ich bin wieder einmal schrecklich ehrlich - dass man als Zwillingsmama ein bisschen mehr Bewunderung und ein bisschen öfter das Ok zum Jammern bekommt.) Obwohl, mindestens ebenso stolz bin ich auf das grosse Hexlein!

 

Wahrscheinlich geht es im Endeffekt genau darum: Die Besonderheit zu beachten ohne ihre besondere Beachtung zu schenken.

 

Im Alltag erlebe ich immer wieder zwei Extreme. Entweder, die Twinhexlein werden ganz klar als Zwillinge erkannt und folglich macht sich kaum mehr jemand die Mühe sie als einzelne Personen wahrzunehmen oder aber, es wird umgekehrt alles angeblich zwillingstypische negiert. Für jegliche Menschen ohne nähere Zwillingserfahrung scheint Zwilling ein Synonym für identisch, gleich oder exakte Kopie zu sein. Und weil es selbst einem Profi manchmal schwer fällt, die Kopie vom Original zu unterscheiden, versuchen es viele Leute schon gar nicht. Da wird Twinhexlein A ganz selbstverständlich die Jacke von Twinhexlein B angezogen und fangen die Angezogenen dann an zu protestieren, kann man das so gar nicht verstehen... Wirklich nicht? Wer teilt schon gerne seine Kaffeetasse mit dem Bürokollegen oder käme auf die Idee morgens die Schuhe des Partners anzuziehen.

 

Das Leben als Zwilling, besonders als eineiiger Zwilling muss manchmal sehr schwierig sein. Ständig musst Du Dir anhören, wie toll es doch ist, dass man nie alleine ist und immer überall die Verstärkung der Schwester hat und... eigentlich möchte man doch einfach einmal in Ruhe in der Puppenecke spielen und nicht schon wieder dieses doofe Puzzle legen. Aber irgendwie will niemand kapieren, dass Kartoffelstock nicht automatisch auch Dein Lieblingsgericht ist, bloss weil die Zwillingsschwester es gerne isst. Selbst ihr eigenes Spiegelbild erkennen Zwillinge in der Regel später - so auch die Twinhexlein. Fragte man sie beim Blick in den Spiegel, wer denn da zu sehen sei, war es immer die Schwester. 

 

Ich habe mir tatsächlich Zwillinge auch gleicher vorgestellt und schaue ich mir die Fotos der ersten sechs Monate an, bin ich noch ein bisschen froher, habe ich sie nie gleich angezogen. Denn ohne unterschiedliche (übrigens klar definiert: Streifen für Twinhexlein A und Punkte für B, pink für A, lila für B) Kleidung wären auf den Fotos selbst aus meinem Blickwinkel die ersten Monate einfach die "Zwillinge" zu sehen. Immer wieder waren der Liebste und ich überrascht, wie sehr sich unsere Twinhexlein doch unterscheiden. Da gibt es mittlerweile die offensichtlichen Merkmale wie die fast zwei Zentimeter Längenunterschied. Oder die Tatsache, dass Twinhexlein B isst wie ein Bauarbeiter, Twinhexlein A wie ein Vögelchen und sie trotzdem konstant seit zwei Jahren einen Gewichtsunterschied von 500 Gramm haben. Sie lachen anders, sie weinen anders, sie weinen aus anderen Gründen, sie sind tapferer und schmerzempfindlicher, kleinlich genau und chaotisch, kuschelig und eher kampfeslustig, geduldig und ungeduldig, mutig und ängstlicher, und und und... Zwei völlig unterschiedliche Persönlichkeiten eben! Um so wichtiger also, dass jedes Hexlein ihren klar definierten Hausrat besitzt: Drei Trinkflaschen maximal in unterschiedlicher Farbe, aber immer schön mit dem entsprechenden Namensaufkleber versehen. Drei Puppenwagen - ausnahmsweise etwas, wovon wir drei unterschiedliche kaufen durften. Teilen ist schwierig, beinahe unmöglich und auch wenn man so gar kein Interesse an Bauklötzen hat, hat die Schwester welche geschenkt bekommen, dann braucht man ganz dringend auch welche.

 

 

Und trotzdem, sie sind Zwillinge! Dieser unumstösslichen Tatsache sollte man ebenso Rechnung tragen, wie der der unterschiedlichen Persönlichkeiten. Niemand wird ihnen je näher sein, als sie sich gegenseitig sind. Kürzlich habe ich von einer Theorie gelesen, welche besagt, dass für Zwillinge die Primärbezugsperson nicht die Mama ist, sondern eben der Zwilling. Darum wehre ich mich an ihrer Stelle auch gegen die - gerade im Schulsystem - häufig erzwungene Trennung. Solange sie sich nicht gegenseitig in ihrer Entwicklung behindern und sich nicht völlig gegen Aussen verschliessen, werde ich mich dafür einsetzen, dass sie ihren Weg gemeinsam gehen können, sofern sie das wollen. Schliesslich sind die Schritte auf dem Weg zur eigenen Persönlichkeit doch viel grösser und bedeutsamer, wenn das Kind es schafft, einerseits diesen Schritt von seiner Schwester weg und gleichzeitig ins Unbekannte zu gehen. Zuhause ist sie ja ohnehin immer da, die Zwillingsschwester und auch da muss ich meine Persönlichkeit ja auch leben und durchsetzen können.

 

Ich glaube, wir hatten bei diesem Balanceakt zwischen Aufmerksamkeit für die Zwillingstatsache und dem Raumgeben für zwei eigene unterschiedliche Persönlichkeiten einen grossen (und grossartigen) Vorteil. Das grosse Hexlein! Sie fügte sich einerseits hervorragend ins neue Trio ein und zeigte sich aber auch stets ganz deutlich in ihrer starken Persönlichkeit. So - zumindest glaube ich das - entwickelten unsere Twinhexlein beispielsweise nie eine spezifische Zwillingssprache - sondern waren im Gegenteil ganz ungeduldig sich endlich mit der grossen Schwester verständigen zu können. Mit dem absolut perfekten Gespür sprengt unser grosses Hexlein regelmässig die enge Zwillingsbindung und packt sich mal A und mal B als bevorzugte Spielpartnerin, um dann kurze Zeit später die beiden wieder sich und ihrem Zwillings-Dasein zu überlassen. So haben wir im Schloss Kunterbunt manchmal ein verschworenes Trio, machmal drei Einzelgängerinnen und manchmal ein grosses Hexlein und die Twinhexlein und jede Konstellation darf und soll sein. Es sind drei Geschwister, drei Individuen. Mit der Besonderheit, dass zwei davon miteinander in Mamas Bauch waren. Nicht mehr und nicht weniger.

 

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0