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Strategien gegen das schlechte Gewissen

Kennt ihr diesen Moment? Nach einem langen anstrengenden Tag sind die Kinder endlich im Bett und es kehrt Ruhe ein. Der Haushalt ist erledigt und Mama hätte nun Zeit für ein Buch, einen Film, einfach für sich. Aber kaum ist es im Kinderzimmer still, stehst Du neben dem Bett und betrachtest mit einer Mischung aus Liebe und schlechtem Gewissen Dein schlafendes Kind. Vorsichtig und leise küsst Du das träumende Wesen und nimmst in Kauf die Ruhe zu beenden und das Kind zu wecken. Das schlechte Gewissen treibt Dich...

 

Weil, trotz aller guten Vorsätze und trotz allem Bemühen bist Du irgendwann dann doch wieder laut geworden... Hast geschrien, vielleicht zurück, aber Du hast gebrüllt. Du weisst, dass die Kinder noch klein sind und Du weisst, dass Du die Erwachsene bist. Das Vorbild, die Sicherheit, der Rückhalt... Du weisst, dass Du ruhig bleiben solltest, dass das Deine Aufgabe wäre. Aber irgendwann hat Dich dieser kleine Lieblingsmensch im Verlauf des Tages dermassen in Rage gebracht, dass Du nicht schnell genug weglaufen konntest, kein innerlich auf 10 zählen mehr etwas nützte und Dein Temperament kombiniert mit einem weiteren frechen Wort Dich zum Überkochen brachte. 

 

 

Es tat Dir im selben Moment leid, als Du laut wurdest. Aber Du warst so wütend, dass Du es nicht mal geschafft hast, Dein Kind gleich in den Arm zu nehmen. Du hast es weinend stehen lassen und erstmal auf der Terrasse fünf Minuten tief durchgeatmet. Und obwohl Du Dich einerseits geschämt hast, dass Du Dich wieder nicht beherrschen konntest, hast Du auch gemerkt, wie sehr es Dich erleichtert hat, wie Du wieder ruhig wurdest und Kraft sammeln konntest, um den Rest des Abends mit den Kindern entspannt zu gestalten. Und dafür hast Du Dich auch noch geschämt. Das solltest Du anders hinkriegen!

 

Nach Deinem Ausbruch und Deiner kurzen Verschnaufpause konntest Du Dein Kind dann auch in den Arm nehmen, Dich entschuldigen. Dafür, dass Du laut wurdest, vielleicht etwas nicht sehr freundliches gesagt hast... "Mir händ wieder Friedä gmacht" erklärt das Kind strahlend und Dir kommen fast die Tränen... Eine weitere Umarmung, ein Highfive und der Abend geht seinen gewohnten Gang. 

 

Dann liegen sie alle im Bett und Du denkst über den Tag nach, vielleicht während Du noch kurz ein paar Sachen weg räumst, die Küche erledigst oder schon Dein Glas Wein geniesst... Und noch einmal rührt Dich dieser Moment der aufrichtigen Freude über die Versöhnung. Staunst, wie schnell sie Dir verzeihen und schämst Dich, dass es schon wieder zu einer solchen Situation überhaupt gekommen ist.  Du erinnerst Dich an andere solche Momente und daran, wie entsetzt die Dame vom Elternkurs kürzlich geschaut hat, als Du aufrichtig gestanden hast, dass Du ab und an laut wirst. In dem Moment hattest Du eigentlich kein schlechtes Gewissen, weil irgendwie bist das eben Du... Und Authentizität ist Dir sehr wichtig. Oder Du denkst an eine Situation vor ein paar Wochen, als ein Freund zu Besuch war, die Kinder schlafen sollten, es nicht taten und Du irgendwann auch laut wurdest. Und er Dir dann, ganz aufrichtig, seine Gedanken zur Situation schilderte. Du schämst Dich, Du fühlst Dich schlecht und es macht Dich traurig, dass Du schon wieder "versagt" hast.

 

Ich bin oft laut und oft zu laut. So, dass war jetzt "Hose runter", ganz aufrichtig. Und, ich bin nicht stolz darauf. Überhaupt nicht. Als ich mir Gedanken zu meinen Vorsätzen fürs neue Jahr gemacht habe, war darum schnell klar, dieses Thema kommt auf die Liste. "Lebe schreifrei" habe ich es für mich genannt. Ok, ganz leise werde ich nie sein, das passt nicht zu mir, das bin nicht ich und Authentizität gehört für mich und meine "Erziehung" ganz weit oben auf die Liste. Um so wichtiger also Strategien zu entwickeln, wie sich Hitzkopf-Mama aus der Situation schleichen kann, bevor der Vulkan ausbricht. Glücklicherweise sind die Hexlein mittlerweile alt genug, dass man sie auch einmal ein paar Minuten stehen lassen kann, zumindest zu Hause. So habe ich den Dreien erklärt, dass Mama nicht mehr schreien möchte und künftig, wenn sie merkt, dass sie gleich explodieren wird, einfach geht. Rasch raus, in die Waschküche, ins Schlafzimmer. Und, dass ich erwarte, dass sie mich dann in Ruhe lassen, bis ich von mir aus wieder komme. Meistens funktioniert die Strategie bisher ganz gut. Leider - und das erlebte ich gestern - nicht immer und dann und wann kommt das Bewusstsein erst, wenn der Topf schon übergekocht ist.

 

Und dann stehst Du vor den Betten, betrachtest Deine friedlich schlummernden Kinder und kommst wieder ein bisschen zur Ruhe. Du fragst Dich, wie diese engelsgleichen Wesen Dich überhaupt so wütend machen können. Du küsst sie vorsichtig, murmelst leise eine weitere Entschuldigung und nimmst Dir fest vor Dich am nächsten Tag endlich einmal wie eine Erwachsene, eine Mama zu benehmen. Auch mit Dir selber ein bisschen versöhnt gehst Du ins Bett. Um Dich zwölf Stunden später bereits wieder der ersten Bewährungsprobe stellen zu müssen...

 

Wie schaffst Du es solche Momente zu überstehen ohne laut zu werden? Bist Du von Natur aus einfach gelassen und entspannt? Oder gehörst Du auch zur Fraktion der Temperamentvollen? Was hast Du für Strategien?

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