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Lieblingskind...?

Gestern habe in meinem Feed auf Instagram zum #throwbackthursday ein Bild von Hexlein gross als kleine Mini-Hexe gepostet und dazu geschrieben: "Meine Nummer 1" und obwohl ich gleichzeitig gefragt habe, ob ich das als Mama von drei Mädchen sagen darf, habe ich über das Thema "Lieblingskind" gar nicht nachgedacht. Das hole ich nun aber nach...

 

Dieses Thema ist für die meisten Eltern ein absolutes Tabu. Darüber spricht man nicht, man denkt nicht einmal darüber nach. Aber, behaupte ich, jede Mama (und wahrscheinlich jeder Papa) fühlt es irgendwann.

 

Als Hexlein gross geboren wurde, erlebte ich eine Liebe, wie ich sie nie zuvor gefühlt hatte. Eine unvergleichliche Innigkeit und Tiefe, eine absolut bedingungslose Liebe. Einfach überwältigend. Dann waren die Twinhexlein unterwegs und bereits da habe ich mich regelmässig gefragt, ob ich wirklich noch einmal so lieben kann, ob ich noch einmal solche Gefühle erleben könnte. Dazu kam plötzlich ein schlechtes Gewissen dem grossen Hexlein gegenüber. Dieses kleine Mädchen sollte plötzlich die Aufmerksamkeit mit gleich zwei kleinen Schwestern teilen... Ich hatte Angst dadurch diese tiefe Verbindung und Innigkeit zu meiner Tochter zu verlieren.

 

"Liebe ist das Einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt..." (Albert Schweitzer) - schrieben wir auf die Geburtsanzeige der Twinhexlein und es war genau, was ich fühlte. Die Liebe zu meinem grossen Mädchen hat sich mit der Geburt der Twinhexlein nicht geteilt, sondern quasi verdreifacht. Ich spürte sofort, alle sind sie wundervoll und einzigartig und meine grossen Lieben.

 

Dieser magische Moment ist nun über vier Jahre her und die drei Hexlein sind kleine Mädchen mit grossen Persönlichkeiten geworden. Jede von ihnen besitzt ihren ganz eigenen Charakter und selbst die Twinhexlein sind darin absolut unverwechselbar.

 

Und genau da werde ich als Mama immer wieder mit dem Thema Lieblingskind konfrontiert. Alle drei besitzen sie Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen, welche mir näher sind und andere, welche mir Mühe bereiten, ich nicht verstehen kann oder mich zur Weissglut treiben können. Das führt zu Situationen, Momenten, Phasen, in denen ich mich einem der drei Mädchen näher fühle, als den anderen beiden. Und ich mich dabei ertappe, wie ich im Alltag auch entsprechend unterschiedlich werte und handle. In kleinen Situationen, kurzen Momenten, aber es passiert mir, ich tue es. Ich bevorzuge eine meiner Töchter und bin mir dessen auch mindestens im Rückblick bewusst.

 

Das grosse Hexlein ist meine Erste. Sie hat mich zur Mama gemacht. Sie war die erste, die mich Mama nannte, die jene unglaublichen Gefühle in mir ausgelöst hat. Sie begleitete meine ersten Schritte dahin, was ich heute bin. Sie stellte mich vor Herausforderungen, forderte mich dazu mich ihnen zu stellen und unterstützte mich dabei, sie erfolgreich zu bewältigen. Und sie teilte eine Zweisamkeit mit mir, zweieinhalb Jahre, in denen ich nur ihre Mama war, welche ich mit den Twinhexlein nie haben werde. So ist es doch eigentlich nur natürlich, wenn ich sage, Hexlein gross ist meine Nummer eins.

 

Ist sie deswegen auch mein Lieblingskind? Ja, manchmal. Manchmal ist es auch Twinhexlein A, manchmal Twinhexlein B. Lieben tue ich sie alle gleich intensiv. Weil sie meine Töchter sind und weil sie sind, wie sie sind. Trotzdem gibt es immer wieder Situationen, in denen ich mich ertappe, dass ich eine der drei lieber mit zum Einkaufen nehme, in denen ich im Spielzeug- oder Kleiderladen vor allem für ein Mädchen Dinge entdecke oder ich spüre, wie mich eins der Hexlein rascher wütend macht und ich für ein anderes mehr Geduld aufbringe.

 

Der amerikanische Wissenschaftjournalist Jeffrey Kluger sagt, wenn Kinder ungleich behandelt werden, würden Eltern damit einen seelischen Schaden bei ihnen anrichten. Und folgert daraus: Wenn Eltern schon ein Lieblingskind haben müssen - und das hat angeblich jeder - sollen sie wenigstens lügen. Genau hier liegt der Grund dafür, dass das Thema "Lieblingskind" nicht weiter tabuisiert werden sollte. Denn seit ich Twinmama bin, ist mir noch stärker und deutlicher bewusst, dass jedes Kind absolut einzigartig ist. Zwangsläufig also wird es im Alltag immer wieder zu "Ungleichbehandlung" kommen und zwangsläufig sehen wir uns als Eltern mit Situationen konfrontiert, in denen wir aufgrund unserer Persönlichkeit und der Persönlichkeit unserer Kinder ein Kind besser verstehen. Jedes Kind, weil sie eben alle so einzigartig sind, hat es verdient, dass man ES sieht. Kinder wollen beachtet werden, gesehen werden, erkannt werden und das in ihrer Einzigartigkeit. Da sollten wir sie abholen, an der Hand nehmen und begleiten. Und wenn eines nach links und eines nach rechts gehen möchte, sollten wir das soweit möglich beachten und nicht im Sinne der Gleichbehandlung alle zwingen in eine Richtung zu gehen.

 

Es ist also meiner Meinung nach nicht falsch ab und zu ein Lieblingskind zu haben. Es ist nicht falsch, jedes Kinder nach seinen eigenen einzigartigen Bedürfnissen und Persönlichkeit auch einzigartig zu behandeln. Das einzige, was falsch ist, ist es sich nicht bewusst zu sein. Und all die Gefühle - wie Enttäuschung, Wut, Sorge, Unverständnis,... - mit der Liebe in Verbindung oder in Abhängigkeit zu bringen.  Welche Eltern müssen dann also ihre Kinder noch anlügen? Die Liebe ist einfach da, vielleicht einmal stärker spürbar, aber sie ist immer da. Kinder müssen sich geliebt und als Persönlichkeit wahrgenommen und erkannt fühlen. Nicht angelogen und nicht gleich behandelt. Und Eltern sollten häufiger dazu stehen, dass sie manchmal ein Lieblingskind haben... und manchmal ein anderes...

 

 

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