Alleine kommen wir nicht weiter...

Während ich diesen Text verfasste, erschien dieser wunderschöne Regenbogen am Himmel. Und erschien mir das perfekte Symbol für meine Gedanken und Worte.
Während ich diesen Text verfasste, erschien dieser wunderschöne Regenbogen am Himmel. Und erschien mir das perfekte Symbol für meine Gedanken und Worte.

Heute ist Weltfrauentag. Seit 1921 - also bereits zum 98. Mal also wird er am 8. März gefeiert. In sämtlichen Medien und sozialen Netzwerken ist der Tag heute ein grosses Thema. Es wird über Missstände gesprochen, Frauen gratulieren sich gegenseitig und verschicken sich online Blumen. Morgen, spätestens in ein paar Tagen ist das alles wieder vergessen und...

 

Als ich geboren wurde, besass meine Mutter bereits das Stimm- und Wahlrecht und ein paar Jahre nach meiner Geburt respektive der Hochzeit meiner Eltern durfte sie sogar ihren Mädchennamen wieder annehmen. Sehr zu ihrer, nicht aber zur Freude verschiedenster Frauen im kleinen Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. Als wäre es gestern gewesen erinnere ich mich daran, wie meine Mutter wiederholt mit verächtlichem Blick absichtlich mit irgendeinem Phantasienamen angesprochen wurde oder ich zum gefühlt tausendsten Mal mit leicht entsetzter Verwunderung gefragt wurde, ob meine Eltern denn nicht verheiratet seien. Ich erfuhr, dass meine Grossmutter nicht den Beruf hatte erlernen dürfen, den sie sich so gewünscht hatte und meine Mutter eigentlich nur Sozialpädagogin geworden ist, weil ihr der Wechsel ans Lehrerseminar verweigert worden war.

 

Ich wuchs anders auf. Zwar war die Begeisterung meines Grossvaters über sein Enkelkind bei mir und meiner Schwester zwar nicht annähernd so gross wie als der ersehnte Stammhalter geboren wurde, aber ansonsten war ich frei, fühlte ich  mich frei. Das ich ein Mädchen war unterschied mich nicht von anderen Kindern und ich konnte meinen Weg frei wählen. Abgesehen davon, dass ich lieber in den Werkunterricht statt zur Handarbeitsstunde gegangen wäre... Natürlich war mir bewusst, dass Frau nicht gleich Mann ist und in späteren Schulzeiten lernte ich auch viele Ungerechtigkeiten kennen, welche daraus resultierten. Trotzdem fühlte ich mich eigentlich nie betroffen. All die starken Frauen vor mir hatten diese Probleme ja bereits für die nachfolgende Generation geregelt. Ich fühlte mich völlig frei in meinem Leben und meinen Entscheidungen. Und basierend auf dieser Freiheit entwickelte ich auch meine Vision von meinem künftigen Leben.

 

Spätestens als ich plötzlich dreifache Mama und daraus resultierend Hausfrau war, wurde mir bewusst, welchem Irrglauben ich die ganzen Jahre zuvor mehrheitlich aufgesessen hatte. Da sass ich nun also plötzlich gefangen in diesem traditionellen Rollenmodell, dass ich eigentlich nie wollte und um das ich jetzt trotzdem nicht herum kam. Eine Situation, welche zumindest teilweise daraus resultierte - so begriff ich - dass sich die Frauen meiner Generation auf den Erfolgen unserer Mütter und Grossmütter ausgeruht hatten und jede von uns sich alleine um sich und ihren Weg gekümmert hatte. Ich fühlte mich meiner Rechte beschnitten, irgendwie amputiert und vor allem allein. Alleine mit dem Frust und der Wut und der Trauer, dass meine Situation nun so war. Alleine mit den ganzen Aufgaben. Alleine mit all diesen neuen Herausforderungen, die mich irgendwie trotzdem nicht so forderten, wie ich es gebraucht hätte und trotzdem zu sehr, um mich noch um irgend etwas anderes zu kümmern.

 

Seither sind ein paar Jahre vergangen und es hat sich einiges getan. Ich habe mich mit der Situation arrangiert und in vielen langen Diskussionen, Streitigkeiten zwischen verschiedenen Bedürfnissen und tränenreichen Gesprächen mit mir selber eine neue Vision entwickelt und wieder zu mir gefunden. Angepasst an die Situation, die bevorstehenden Veränderungen im Fokus, aber wieder zu mir und damit auch zu neuer Energie. Geblieben ist ein Gefühl von "alleine". 

 

 Heute ist Weltfrauentag und plötzlich thematisieren wir Frauen die selben Hürden, prangern Ungleichheiten an, zeigen uns kämpferisch für eine Weiterentwicklung verschiedenster Themen, für uns und im Sinne unserer Töchter. Morgen ist dieser Tag wieder vorbei und spätestens Übermorgen ist auch der gemeinsame "Aufschrei" wieder vorbei. Eine jede wird sich wieder für sich alleine durch Alltag - Haushalt, Kinder, Arbeit und all die anderen Dinge - kämpfen. Alleine, Einzelkämpferin... 

 

Aber...! Glauben wir wirklich, all das, was die Frauen unserer Geschichte für die nachfolgenden Generationen erreicht haben, haben sie jede für sich alleine geschafft? Natürlich gab es immer eine Erste, wahrscheinlich eine Vorreiterin, sicher auch starke und erfolgreiche Einzelkämpferinnen. Für grosse Veränderungen braucht es aber ein Wir, ein starkes Wir, das gemeinsam ein Ziel verfolgt und sich dafür einsetzt.

 

Visionen, gemeinsame Ziele, sich zusammen für Veränderungen einzusetzen und vielleicht auch Erfolge zu erreichen - das gibt Energie, Kraft, Lebensfreude. Gerade aber unter Müttern scheint "gemeinsam" eher ein Fremdwort zu sein. Statt sich miteinander für wirklich wichtige Ziele einzusetzen, bekämpft man sich lieber gegenseitig. Statt sich unterstützend zur Seite zu stehen, verurteilen wir uns für unwichtige Nichtigkeiten.

 

Darum, lasst uns nicht  nur heute Blumen und Glückwünsche verschicken, nicht nur heute laut werden und nicht nur heute darauf aufmerksam machen, dass wir uns nicht einfach auf den Lorbeeren unserer Mütter und Grossmütter ausruhen können. Alleine kommen wir nicht weiter... 

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Susan Ponti (Sonntag, 10 März 2019 18:50)

    danke ��