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Spontan organisiert oder organisierte Spontanität

Flexibel und spontan sei ich, habe ich früher zum Beispiel an Vorstellungsgesprächen als eine meiner positiven Eigenschaften genannt. Tatsächlich konnte ich schon damals sehr flexibel auf kurzfristig veränderte Vorgaben oder Zeitfenster reagieren und konnte sehr spontan mein Programm umstellen, ohne dabei aus dem Konzept zu geraten oder mich gestresst zu fühlen. 

Damals war ich aber noch nicht Mutter und hatte nicht den Alltag von drei (kleinen) Kindern zu organisieren, welche nur schwer zu verstehen scheinen, dass auch Spontanität manchmal ein bisschen Warte- oder Anlaufzeit benötigt und auch ein Mass an Organisation, zumindest meinerseits. Was es wirklich bedeutet spontan und flexibel zu sein, lernte ich erst mit meinen Kindern.

 

Mütter müssen wahre Meister in Spontanität sein. Denn wie oft sind die abends bereit gelegten Kleider morgens nicht mehr die gewünschten. Oder wird montags Brokkoli geliebt, mittwochs aber bereits ein kleiner Bissen verweigert. Mag das Kind um 11:05 Uhr unbedingt im Garten spielen, möchte es das mit angezogenen Schuhen um 11:08 Uhr definitiv nicht mehr. Es ist also Spontanität gefragt... Möglichst in Sekunden muss Mama sich auf die veränderten Bedürfnisse einstellen. Egal, ob sie sich nun dafür entscheidet, trotzdem auf das Spielen draussen zu bestehen oder aber der kurzfristigen Meinungsänderung des Kindes Gehör schenkt und ihm die Schuhe wieder auszieht. Mütter müssen auch ihre eigene Organisation ganz oft spontan und flexibel an veränderte Gegebenheiten anpassen. Sei es, dass der gestern geplante Ausflug ins Schwimmbad ausfallen muss, weil Kind 1 mit starkem Husten aufgestanden ist und sie sich flexibel und spontan und vor allem rasch eine ebenso verlockende Alternative ausdenken muss, um die Laune von Kind 1 bis Kind 3 nicht schon frühmorgens zu ruinieren. Oder aber, es scheint völlig unerwartet die Sonne und man entscheidet sich spontan das schöne Wetter für einen Spaziergang zu nutzen und das dringend zu erledigende Wäschewaschen halt auf den Abend oder den nächsten Tag zu verschieben.

 

Trotz meiner grossen Spontanität und Flexibilität war ich immer ein Mensch, der auf eine gewisse Organisation angewiesen ist. Zu viel Chaos und zu viel Ungewissheit macht mich ganz nervös. Mich im früheren Arbeitsalltag darauf verlassen zu können, in der Regel um 18 Uhr Feierabend zu haben oder irgendwann zwischen 9 und 10 Uhr gemütlich einen Kaffee trinken zu können, war für mich eine wichtige Struktur, um mich die restliche Zeit motiviert und voller Energie meinen Aufgaben widmen zu können. Der Alltag mit Kindern lässt es allerdings sehr selten zu eine Sache organisiert und konzentriert anzupacken und zu Ende zu bringen, weil garantiert alle drei Minuten ein anderes Kind etwas braucht oder möchte... Meine komplette Organisation wurde durch meine Kinder respektive durch den Familienalltag völlig aus dem Konzept gebracht. Angefangen damit, dass ich eigentlich nie eine Schere in der Küchenschublade finde, wenn ich sie benötigen würde, weil eines der Hexlein sie für seine Zwecke entführt und danach einfach irgendwo deponiert hat.

 

Ergo, seit ich Mama bin, insbesondere seit ich Mama von drei Kindern bin, suche ich nach dem idealen Gleichgewicht zwischen Spontanität und Organisation. Denn, verschiedene Dinge wurden mir im Alltag bewusst:

  • Der Alltag mit kleinen Kindern erfordert zwar permanent Flexibilität und Spontanität, gerade kleine Kinder aber (zumindest meine) fordern ihrerseits auch ein ziemlich hohes Mass an Organisation. 
  • Um an der einen Stelle spontan sein zu können, brauche ich an anderen Stellen eine gute Organisation.
  • Bei vier respektive fünf Personen sind selten alle ähnlich spontan oder ähnlich organisiert ;-)...

Seit geraumer Zeit - um ein Beispiel zu nennen - mache ich freitags (vor dem Grosseinkauf am Samstag) immer einen Menüplan für die kommende Woche während ich gleichzeitig die Einkaufsliste schreibe. So koche ich definitiv abwechslungsreicher und vielfältiger, verschwende gleichzeitig viel weniger Lebensmittel und erspare mir vor allem das tägliche Studieren, was denn nun diesen Mittag auf den Tisch kommen sollte. Diese Organisation lässt mir gleichzeitig viel Raum für spontane Dinge. Ich weiss schon am frühen Morgen sehr genau wie viel Zeit ich ungefähr fürs Kochen brauche und kann so den Vormittag ganz spontan nach den Bedürfnissen der Hexlein gestalten.

 

Unser Alltag mag gegen Aussen manchmal sehr organisiert und strukturiert wirken. Beispielsweise habe ich heute für die Hexlein Uhren gestaltet - eine für die Morgenroutine und eine für die Abendgestaltung - damit sie sich selbstständiger orientieren können, wann Dinge wie das Anziehen des Pyjamas oder das Zähneputzen erledigt werden sollten. Das mag starr wirken - ist aber keineswegs in Stein gemeisselt und ich hoffe, dass diese "Organisation" zu etwas mehr Ruhe führt. 

 

Ich habe mich nun endlich - von unzähligen positiven Meinungen - dazu breit schlagen lassen, das Buch "Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn - Der entspannte Weg durch Trotzphasen" zu lesen respektive zu hören. Bei den meisten Beispielen nicke ich innerlich, auch die Erläuterungen dazu, warum ein Kind in gerade dieser Situation so reagiert, leuchten mir ein und viele der vorgeschlagenen Reaktionen und Handlungen meinerseits (also seitens der Eltern) würde ich prinzipiell instinktiv aus meinem Bauch heraus eben so handhaben. Für mich persönlich hören sich viele Situationen und Handlungsvorschläge aber auch nach viel Organisation an - damit schlussendlich genügend Flexibilität möglich ist. Und gleichzeitig wird mir wiederum bewusst, dass je mehr Kinder mit spontanen Ideen, Stimmungswechseln und Interessen da sind, desto grösser muss meine Organisation sein, um einerseits für alle eine gewisse Richtung vorzugeben und andererseits so spontan genug zu bleiben, um auf die individuellen Bedürfnisse fast immer parallel auch eingehen zu können. 

 

Damit möchte ich sagen: Ich bin auf eine relativ klar strukturierte Morgenorganisation angewiesen, damit ich schlussendlich eine Chance habe, allen Bedürfnissen von meinen drei Hexlein gerecht zu werden. Während ein Kind morgens gerne noch im Bett liegen bleiben möchte - das aber nicht ohne meine Gesellschaft, sitzt das andere bereits am Frühstückstisch - wo es aber aus nachvollziehbaren Gründen nicht gerne alleine sitzt. Kind Nummer drei hätte gerne meine Unterstützung beim Anziehen, möchte sich aber weder in der Küche bei der grossen Schwester noch im Kinderzimmer von mir dabei helfen lassen. Während also ein Kind gerne im Kinderzimmer kuscheln würde, möchte sich das andere im Wohnzimmer anziehen lassen, während das dritte gerne meine Gesellschaft beim Frühstück hätte. Während an manchen Tagen die Befriedigung all dieser Bedürfnisse nacheinander möglich ist, gibt es wiederum Tage, an denen Abmachungen getroffen werden müssen, welche den ganzen Ablauf beschleunigen, weil sonst ein weiteres Bedürfnis von Hexlein gross - nämlich jenes pünktlich aus dem Haus zu kommen - nicht berücksichtigt werden kann. Kompromisse und eine für alle Beteiligten nachvollziehbare und bekannte Organisation der morgendlichen Abläufe helfen mir schlussendlich möglichst viele Bedürfnisse berücksichtigen zu können und gleichzeitig auch Zeit und Raum zu schaffen um spontanen Bedürfnissen Aufmerksamkeit schenken zu können oder auch vorher zurück gestellte später dafür nachzuholen. So kommt Kind eins zwar nicht dazu ausgiebig im Bett mit mir zu kuscheln, sondern "muss" sich mit der Schwester im Wohnzimmer anziehen, damit rechtzeitig alle am Frühstückstisch sitzen und gemeinsam frühstücken können. Dafür aber kann sie sich vielleicht dabei auf meinen Schoss setzen (und ich gleichzeitig entspannt einen Kaffee trinken), weil genügend Zeit geblieben ist.

 

Ich behaupte, Kinder suchen und brauchen diese Organisation oder anders gesagt ein in einem gewissen Masse organisierten Alltag auch. Es gibt ihnen Halt und eine Richtlinie, an der sie sich orientieren können. Und ich brauche ihn, weil ich bei dreimal unterschiedlichen Bedürfnissen schlicht nicht in der Lage bin, jedes Mal über jedes noch so kleine Detail zu verhandeln oder abzuwarten und eigentlich Druck und Zwang nicht einsetzen möchte. Organisation vermeidet manchmal unnötige Diskussionen, schafft Klarheit und spart somit Zeit, welche dann spontan genützt werden kann - wofür wir dann eben gerade Lust haben.

 

Spontan organisiert oder eben organisierte Spontanität...

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