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Gefangen in der Mutterrolle...

Es gibt da diesen Teufelskreis... Dieses Hamsterrad... In dem ich mich seit geraumer Zeit gefangen fühle. Und über das ich schon etliche Male schreiben wollte. Aber irgendwie nicht die richtigen Worte fand. Oder mich vor den Reaktionen auf meine Worte fürchtete. Vielleicht selber über gewisse Gefühle und Gedanken entsetzt war. Oder auch, weil ich mir irgendwann abgewöhnt habe, mich so verletzlich zu zeigen...

 

Wer meine Texte schon länger liest weiss, dass die Geburt der Twinhexlein und damit verbunden der Entscheid, dass ich künftig Mama und Hausfrau sein werde - und nun schon seit bald fünf Jahren bin - einen nicht einfachen Prozess ausgelöst haben. Es war für mich alles andere als einfach mich in dieser neuen Rolle zu finden und teilweise neu zu erfinden. Über diesen Blog, über Schlossgarten Kunterbunt und einszweidreihausgemacht habe ich Wege gefunden, auch noch ein Ich neben meiner Mutter- und Hausfrauenrolle zu erhalten und weiter zu entwickeln. 

 

Was aber bleibt und in unterschiedlicher Intensität immer wieder kommt, ist dieses Gefühl in einem Hamsterrad, in einem Teufelskreis gefangen zu sein. Manchmal so stark, dass ich Fluchtgedanken habe und Weglaufen die einzige Option zu sein scheint...

 

Ich glaube ein Grund, warum ich diesen Text respektive diese Gedanken bisher nie veröffentlicht habe ist, dass ich selber gar nicht formulieren konnte, was ich mit diesem Teufelskreis eigentlich meine. Heute glaube ich, bin ich dem ein grosses Stück näher gekommen.

 

 

Ich war und bin mir nie sicher, ob ich ein ausdauernder Mensch bin... Ich habe in meinem Leben ganz viel angefangen - von Schwimmen über Akkordeon über Bogenschiessen und Nähkursen - und ganz Vieles habe ich dann auch recht schnell wieder aufgegeben. Gleichzeitig habe ich aber auch ganz viel zu Ende gebracht und erfolgreich durchgezogen - auch Dinge, von denen ich nicht wirklich überzeugt war, die mich nicht wirklich begeisterten oder Dinge, welche viel Arbeit und viel Energie brauchten, weil ich diverse Hürden zu überwinden hatte. 

 

 

Auch da, wo ich mit viel Leidenschaft und Freude dabei war, kam ich irgendwann an einen Punkt, an dem ich spürte, dass ich eine Veränderung brauche. Die Luft war draussen, die Motivation schwieriger zu finden und die Energie dementsprechend tiefer. Manchmal weil das Leben rund um mich sich verändert hatte, weil mit einer gewissen Routine auch eine gewisse Langeweile aufgekommen war oder auch, weil ich mich in einer Phase befand, in der mich meine Arbeit zum Beispiel zu oft überforderte.

 

Vor bald sieben Jahren wurde ich das erste Mal Mama. Ein lang gehegter Wunsch ging in Erfüllung und trotz aller Startschwierigkeiten und Hürden war ich Mama mit Leidenschaft und Hingabe. Als Hexlein gross etwas älter als ein Jahr war, fing ich wieder an zu arbeiten. Diese drei Arbeitstage pro Woche waren perfekt. Der Wechsel zwischen meiner Rolle als Mama und Hausfrau und meiner Rolle als Sozialarbeiterin schuf eine perfekte Balance für mich. Lief ein Tag mit meiner Tochter nicht, wie ich es mir vorgestellt hatte oder zweifelte ich einfach an mir und meinem Mama-Sein, konnte ich das meistens tags darauf im Büro wieder für mich in Einklang bringen. Umgekehrt, kam es bei der Arbeit zu einer schwierigen und herausfordernden Situation konnte ich abends mit meiner Tochter wieder abschalten und einfach in die andere Rolle schlüpfen. Sehr selten fühlte ich mich in allen Rollen gleichzeitig unwohl oder überfordert und so blieb ich stets in einem Gleichgewicht.

 

 

Als die Twinhexlein zur Welt kamen, war uns rasch klar, dass der ursprüngliche Plan - nach einem halben Jahr Mutterschaftsurlaub wieder an meine Arbeitsstelle zurück zu kehren, sich finanziell überhaupt nicht ausgehen würde und die Milchbüchleinrechnung zwischen dem, was ich gewinnen würde und dem, was ich investieren müsste nicht aufging.

 

 

Seit bald fünf Jahren bin ich also ausschliesslich Mama und Hausfrau. 

 

Fünf unglaublich wertvolle und schöne - aber auch wahnsinnig anstrengende und kraftzerrende Jahre. Nicht nur das Mamasein, das Hausfrau sein - auch der Prozess denn ich in den vergangenen Jahren damit verbunden durchlief, war einerseits sehr anstrengend und auch schmerzhaft und gleichzeitig sehr positiv. Trotzdem, oder vielleicht auch gerade deswegen, befinde ich mich nun wieder an diesem Punkt, an dem alles in mir schreit, dass eine Veränderung dringend nötig wäre.

 

Zu lange befinde ich mich nun bereits ohne Unterbruch und ohne Abwechslung in einer Rolle. In einer Rolle zudem, die mich ganz oft an mir zweifeln lässt. Die mich oft nach einem langen Tag unzufrieden, frustriert und traurig zurück lässt. Die mir immer wieder ein Gefühl des Versagens beschert. 

 

Natürlich ist mein Leben alles andere als langweilig. Ich bin gefordert, ich werde geschätzt, geliebt und gebraucht. Ich habe einen Job auf Lebzeiten. Eine Aufgabe, die man nicht einfach kündigen kann. Zumal mein Herz, meine Gedanken, meine Verantwortung,... all das würde sowieso bleiben. 

 

In ein paar Monaten werden die Twinhexlein in den Kindergarten gehen, Hexlein gross in die Schule. Sie werden Monat für Monat, Jahr für Jahr weiter ihre eigenen Wege gehen und mich und mein dauerndes Verharren in meiner Mutter- und Hausfrauenrolle weniger benötigen. Es wird wieder Raum und Zeit für mich und vor allem für eine neue Aufgabe, eine neue Rolle geben. Ich weiss das. 

 

Trotz alle dem reicht dieses Wissen, dieses Teilziel im Moment selten, diesen inneren Druck, dieses Bedrücktsein über die Situation und die Stimmung in meiner Familie, das Gefühl des Versagens abzustellen. Dieser Teufelskreis der Frustration über die Situation und dem Unvermögen sie zu ändern, nährt den Wunsch einfach alles aufzugeben und wegzulaufen. Nicht mehr Mama zu sein, nicht mehr Hausfrau und nicht mehr Ehefrau zu sein. Einfach ich oder etwas anders.

 

 

Ich kämpfe mit mir. Bin dünnhäutig und äusserst sensibel. Ertrage das tägliche Jammern und Heulen und Maulen meiner Kinder kaum noch. Oft braucht es nur sehr wenig, bis ich innerlich explodiere. Aber da ist auch mein Anspruch an mich und meine Arbeit. Ich möchte gut sein, ich möchte eine gute Mama sein. Ich möchte feinfühlig, liebevoll und ermunternd sein. Ich möchte die Zeit mit meinen Kindern geniessen, möchte mit ihnen lachen und tanzen und Abenteuer erleben. Und doch braucht es mittlerweile nur noch wenig und meine Motivation, meine Energie und meine Freude sind dahin. Das wiederum schürt die Unzufriedenheit bei den Hexlein und meine Enttäuschung über mich selber. Ich bin wütend und verzweifelt, weil es mir nicht gelingt mich aus diesem Kreislauf zu befreien. Es setzt mich unter Druck, dass ich weiss, was ich alles erledigen sollte und, dass es morgen noch mehr sein wird. Ich bin genervt über die Unzufriedenheit und destruktive Energie mit der meine Kinder unterwegs sind. 

 

Schlussendlich bringen wir mit wahrscheinlich allen den letzten Reserven den Tag irgendwie über die Runden und abends sehe ich mich im Spiegel an und sehe eine Versagerin. 

 

Wenn ich mich in einem Job aus irgendwelchen Gründen nicht mehr wohl fühle, dann kündige ich. Vielleicht nicht gleich, aber ich habe immer die Option zu gehen. Und ich habe Erholungspausen - Feierabend, Wochenende, Urlaub... - in denen ich in eine andere Rolle schlüpfen kann. In der Rolle der Mama und Hausfrau bin ich "gefangen". Ich bin es 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche - ohne Unterbruch und ohne wirkliche Pause. Es gibt nur noch diese eine Rolle und ich habe lediglich diese Aufgaben um mich zu zeigen, mich zu erleben, mich zu sehen. Ich bin die Mama. Ich bin die Hausfrau. Punkt.

 

Es ist ein bisschen wie mit Strumpfhose oder Jogginghose. Ich liebe es mich für bestimmte Anlässe hübsch anzuziehen, Kleidchen, Strumpfhose... Ich fühle mich gut, schön, wohl. Für eine bestimmte Zeit. Irgendwann fängt die Strumpfhose an zu zwicken, vielleicht hat sie eine Laufmasche bekommen, vielleicht friere oder schwitze ich, der Schritt verrutscht. Bis ich mich so unwohl fühle, dass ich einfach nur noch froh bin, wenn ich sie ausziehen kann und wieder in meine Jogginghose schlüpfen. 

 

In andauernden schwierigen Phasen - und die kenne wir Eltern alle - fühlt sich meine Mamarolle irgendwann so unbequem an, so unpassend, so... dass ich sie einfach nur noch ausziehen möchte. Immer mal wieder diskutieren der Liebste und ich über meine steigende Ungeduld, meine hypersensiblen Ohren und meine Überreaktionen... Und immer wieder versuche ich ihm dabei zu erklären, dass es nicht diese einzelne Situation war, sondern sich tagsüber ganz viele ansammeln. Bis das Fass irgendwann übervoll ist. Und weil es sich nie leert, weil ich keine Gelegenheit habe morgens das Haus zu verlassen, mein Mama-Kostüm gegen das der Berufsfrau zum Beispiel zu tauschen, ist der Zeitpunkt des Überlaufens immer früher erreicht.

 

Das schwierigste und schmerzhafteste an diesem Teufelskreis ist, dass mich dieses Gefangensein in dieser Rolle phasenweise auch sehr von meinen Kindern distanziert. Ich bin dermassen mit diesem zwickenden Kostüm beschäftigt - versuche krampfhaft irgendwie bei mir zu bleiben und meine Aufgaben mit mir zu vereinen, dass für andere und für Gefühle nur noch wenig Platz ist. Ich liebe sie, zweifellos und zwar immer. Aber in diesen Situationen gelingt es mir nur schwer und manchmal gar nicht, das auch zu zeigen. Ich funktioniere und versuche möglichst viele Störungen von diesen Bemühungen fern zu halten, damit der Tag einigermassen läuft und ich abends vielleicht nicht ganz so enttäuscht und frustriert bin.

 

Es ist ein Teufelskreis aus dem Druck bestehen zu wollen und bestehen zu müssen. Dem Wissen nicht einfach fliehen zu können. Dem Gefangensein in (leider) geläufig gewordenen Mustern. Der dann so viel Kraft kostet, dass ich mich immer erschöpfter und motivationsloser fühle. Was wiederum das Gefühl des Versagens und somit den Druck verstärkt. Oft gelingt es irgendwo in diesen Kreislauf etwas Positives einzuschleusen und somit den Kreislauf zu verlangsamen oder sogar zu unterbrechen. Phasenweise dreht er sich aber immer schneller und schneller...

 

Bis irgendwann der Damm bricht und ich so aussehe...

 

Und auch wenn mich kaum jemand jemals live so sehen wird... Auch das bin ich. Auch das gehört zum Mamasein. Das ist das reale Leben. 

 

Und, es bedeutet nicht, dass ich meine Hexlein, mein Leben aus tiefstem Herzen liebe. Wahrscheinlich gerade im Gegenteil.

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Kommentare: 5
  • #1

    Franziska (Mittwoch, 15 Mai 2019 20:27)

    Danke für deine Ehrlichkeit. Ein so toll geschriebener Text. Ich denke, es geht ganz vielen Mamas so, nur sind die Wenigsten so ehrlich wie du.
    Von der Gesellschaft wird erwartet, dass man stets in seiner Mutterrolle aufgehen soll und bitte ja dankbar für diese kleine Geschöpfe zu sein.
    Ja, das sind wir - aber alle anderen Gefühle gehören auch dazu und sollen auch einen Platz in der Gesellschaft erhalten.

    Fühl dich gedrückt

  • #2

    Patricia (Mittwoch, 15 Mai 2019 22:37)

    ein sehr ehrlicher Beitrag von dir und schön geschrieben ich hoffe und wünsche es dir von Herzen das du deine Rolle / Rollen genissen kannst. selbstliebe und selbstzufriedenheit ist hier wichtig. denke jede oder auch jeder muss seinen Weg finden. Ein fentil eine Auszeit von der Rolle dies ist individuell.

  • #3

    Sibyll (Donnerstag, 16 Mai 2019 01:03)

    Genau so fühle ich mich zZ! Ich will nur ausbrechen und bin „gefangen“.Hätte ich heute ein Foto von mir gemacht, die Leute hätten mich nicht erkannt...! Es war schlimm, ich hab persönliche Grenzen überschritten weil das Mass einfach mal wieder voll war und ich einfach nicht mehr konnte...! Heute konnte ich den Anforderungen einfach nicht stand halten.
    Ich bekam dann doch noch die Chance für eine kurze Auszeit und durfte „ausbrechen“, zum Sport. Es tat sooooo gut!!! Nun aber liege ich mit stressbedingten Kopfschmerzen wach, kurz vor 1. Um 4.40 wird der Wecker klingeln, dass weiss ich.Ich weiss auch, dass ich nicht wirklich schlafen werde...Aber die Arbeit (Beruf zum „Kostüm tauschen“) ruft.Daher „kratzt“ mich diese Nacht nicht, schon bald tanke ich Energie und bin für meine Mutterpflichten wieder gewappnet! Doch die schlechte Gefühle bleiben...

  • #4

    Sandra (Donnerstag, 16 Mai 2019 13:22)

    Wow....du beschreibst mein Leben, mein manchmal unerträgliches Leben!
    Nur das ich bereits seit 11 Jahren "nur" Mutter und Hausfrau bin. :(
    Ich liebe meine Kinder, doch ich wollte nie 24/7 nur daheim hocken!
    Und jetzt....ja jetzt habe ich Angst wieder in eine Arbeitswelt einzutauchen, denn was kann ich denn heute davon noch..... Ich fühle mit dir

  • #5

    Sabine (Donnerstag, 01 August 2019 13:21)

    So viele Gedanken, die ich auch kenne. Und was für ein unglaublicher Text. Bravo!
    Ich wünsche dir viel Liebes!