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Wenn aus dem Zweiten plötzlich Zwei werden... (II)

Zwillinge also... Wahrscheinlich eintausendmal habe ich mir das Ultraschallbild angesehen und immer wieder kontrolliert, ob denn da oben auch tatsächlich mein Name steht. Ob es tatsächlich MEIN Ultraschallbild ist. Ein Bild aus MEINEM Bauch. Zwillinge... Zwei Babies auf einmal... Mit allem haben wir gerechnet, als wir beschlossen, dass wir gerne ein zweites Kind möchten. Mit allem. Aber nicht mit Zwillingen. 

 

Ich bin an dieser Stelle nun sehr ehrlich, auch wenn es die ein oder andere Leserin vermutlich schockieren wird. Ich habe mich nicht gefreut, lange. Ich war einfach nur überfordert, geschockt und verängstigt. Es gingen mir so viele Gedanken durch den Kopf. Die Wohnung ist zu klein, das Auto auch. Wie wird unsere Grosse das verkraften? Wie wird diese Schwangerschaft verlaufen? Werde ich nachher wie geplant wieder arbeiten können? Und tausend andere Dinge... Freude wollte sich einfach keine einstellen. 

Ich hoffe sehr, dass ich mit diesen Zeilen niemanden verletze. Es ist mir bewusst, dass gerade für jemanden mit unerfülltem Kinderwunsch eine solche Aussage einen Schlag ins Gesicht sein kann. Aber es wäre nicht ehrlich, wenn ich meine Gefühle in dieser Situation damals beschönigen würde.

 

Getröstet habe ich mich die ersten Tage/Wochen - ich war in der 10. Schwangerschaftswoche, als wir es erfuhren - mit dem Gedanken, dass ja gar nicht sicher ist, dass es tatsächlich beide schaffen. Ein grausamer Gedanke, ich weiss. Vor allem nun rückblickend, nach fünf Jahren mit meinen beiden Mädchen. Zugegeben, es gibt nach wie vor Momente, in denen ich etwas wehmütig darüber nachdenke, wie es jetzt wohl wäre, gerade jetzt in dieser Situation, wäre da nur die grosse und die kleine Schwester... Weil ich mir vorstelle, dass es einfacher wäre. Aber hergeben würde ich natürlich keins meiner drei Hexlein, für kein Geld auf der Welt.

 

Weit über die magische 12. Schwangerschaftswoche hinaus habe ich mich dagegen gewehrt mit Zwillingen zu planen. Einerseits sicher aus meiner Überforderung heraus, andererseits aber definitiv auch um mich selber zu schützen. Die Twinhexlein sind sogenannte "monochoriale-monoamniote"-Zwillinge (Was das genau ist und was das genau bedeutet, könnte ihr unter "Monochoriale-Monoamniote Zwillinge" nachlesen.) Eine Hochrisiko-Schwangerschaft mit unendlich vielen Kontrollen im Universitätsspital und als ständiger Begleiter die Tatsache, dass bis ganz zum Ende dieser Schwangerschaft ganz viel schief gehen könnte. Natürlich birgt jede Schwangerschaft ihre Risiken und es kann immer etwas passieren. Diese Einstellung hatte ich bereits bei der Grossen und ich war definitiv keine überbesorgte Schwangere. Es gelang mir immer gut die Balance zwischen "Es wird alles gut gehen" und "Es kann auch jederzeit etwas passieren" zu halten. Auch in der Schwangerschaft mit den Zwillingen. Da jedoch mit anderem Hintergrund. Natürlich wünschte ich mir nicht eines oder gar beide zu verlieren, aber der Gedanke im Hinterkopf, dass mir dadurch diese damals in meinen Augen unglaubliche Last Zwillingsmama zu werden erspart würde, hat mich beruhigt.

 

Denn, wenn ich heute an die Zeit der Schwangerschaft mit den Twinhexlein zurück denke, dann fallen mir zu aller erst die Begriffe: Verantwortung und Überforderung ein. Überfordert war ich (waren wir wohl beide, mein Mann und ich) einerseits einfach aufgrund der Tatsache, der neuen und niemals angedachten Situation. Andererseits aber vor allem aufgrund der unheimlichen Verantwortung, welche mir übertragen wurde, respektive ich zu tragen hatte. Es war nicht unbedingt die Angst eines meiner Babies zu verlieren, sondern mehr die Angst in diesem Fall versagt zu haben... Aufgrund der Hochrisiko-Situation hatte ich sehr regelmässig Termine im Universitätsspital - mit Ultraschall, CTG, Doppler etc. Und jedes Mal versuchten die Ärzte mich dazu zu überreden, mich stationär aufnehmen zu lassen. Das wollte ich aber auf keinen Fall. Ich hatte zu Hause ein kleines gerade mal zweijähriges Mädchen und es ging mir ja gut. Ich hatte weder Wehen noch sonst etwas und die Zwillinge entwickelten sich absolut prächtig. Und jedes Mal wurde auf mir auf mein Ablehnen hin eingebläut, mich bei jeder Veränderung des Bewegungsmusters etc. umgehend zu melden. Ich war ständig völlig hin-und hergerissen zwischen dieser enormen Verantwortung für diese zwei Babies und der Tatsache, dass sich alles in mir sträubte mich für mehrere Wochen ins Krankenhaus zu legen. Der Gedanke, dann aber vielleicht verantwortlich dafür zu sein, dass sie es nicht schaffen könnten, brachte mich schier um den Verstand. Zu meinem eigenen Schutz habe ich darum wohl auch sehr lange gar nicht mit beiden, mit Zwillingen gerechnet...

 

Sowieso war diese Schwangerschaft für mich oft sehr speziell, irgendwie befremdlich und wie soll ich es ausdrücken: Nicht meine... Ich fühlte mich oft, als wäre ich lediglich Mittel zum Zweck, Brutkasten für eine Rarität. Wichtig schien lediglich, dass diese beiden Spezialitäten gesund geboren werden würden und kaum, wie es mir dabei eigentlich ging, mir als Mensch, als künftige Mama. Oft fühlte ich mich nicht gehört, vor vollendete Tatsachen gestellt und zwar so, dass ich gar nicht daran dachte, dass es vielleicht auch noch andere Wege geben würde. Das war für mich sehr schwierig. Einerseits diese enorme Verantwortung zu tragen und teilweise auch noch zusätzlich aufgebürdet zu bekommen und gleichzeitig eigentlich mit vielen Entscheidungen, die sowohl meine Kinder wie auch meinen eigenen Körper angingen kaum etwas zu tun zu haben. Darüber habe ich bereits einmal einen Blogbeitrag verfasst: "Brutkasten Mama und das Anrecht auf körperliche Integrität".

 

Wirklich begriffen, an mich heran gelassen und angefangen zu verarbeiten habe ich, als wir gemeinsam mit den Ärzten den Geburtstermin festlegten... Aufgrund der speziellen und risikobehafteten Situation sollten die beiden Mädchen - wie wir zwischenzeitlich erfahren hatten - in der 35. Schwangerschaftswoche per Kaiserschnitt das Licht der Welt erblicken. Ich fand es sehr befremdlich und irgendwie surreal schon Wochen vorher zu wissen, wann genau ich zum zweiten Mal Mama werden würde. Gleichzeitig half mir diese feste Tatsache die Umstände nicht weiter zu verdrängen und mich nun endlich so wirklich damit auseinander zu setzen, dass ich in wenigen Wochen Zwillingsmama und dreifache Mädchenmama sein würde...

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Kommentare: 3
  • #1

    Cinzia (Donnerstag, 06 Februar 2020 22:23)

    Brutal ehrlich... und vermutlich für ein paar Mamis unter uns gerade deswegen befreiend.
    "okay... Ich bin nicht alleine mit meinen MONSTER GEDANKEN".
    Das muss man (v)ertragen.
    Ich danke Dir dafür.
    LG - Cinzia
    Www.flyinghousewives.com

  • #2

    Carina (Freitag, 21 August 2020 19:33)

    Hallo.
    Ich bin in der 29 SSW mit mono mono twins und mir haben deine Beiträge sehr gefallen. Jetzt bin ich viel gestärkter und sehe die letzten Wochen positiv entgegen. Vielen Dank u LG Carina

  • #3

    Sandra (Montag, 19 Oktober 2020 11:49)

    Vielen Dank für die Teilung deiner Gedanken im Web die genau die meinen spiegeln. Ich bin ebenfalls mit mono-Zwillingen schwanger; und nun genau bei 31+6 in der Schwangerschaft angekommen. Der psychische Druck seitens der Ärzte ist jetzt enorm. Von Anfang an wurde mir 32+0 als Kaiserschnitt Termin vorhergesagt/empfohlen. Nun - 1 Tag vor diesem theoretischen Termin - stehe ich vor der großen "Entscheidung". Mein Bauchgefühl sagt mir allerdings, dass die noch in meinem Bauch bleiben sollen. Bisher verlief auch meine Schwangerschaft ohne Komplikationen und problemfrei, ich bin jung, sportlich und fit, ein richtiger Traum. Ich hofffe nicht die falsche Entscheidung zu treffen und auf ein gutes "Ende"/Geburt. Wann und wie das sein wird, steht noch in den Sternen. Was ich schon nicht mehr hören kann ist das Wort "Statistik" und "Risiko". Wenn es wirklich so wenige Fälle dieser Konstellation gibt, kann eine Statistik nicht wirklich aussagekräftig sein. Ich konnte auch keine reliablen Quellen für irgendeine Statistik im Web für diese Konstellation finden...
    An alle werdenden Mamis da draußen die auch mit ihren Gedanken um ihre "Mono's" kämpfen - stark bleiben und positiv denken!