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Verantwortung und Angst

An alle Mamas und Papas und andere Erwachsene: 

 

Gewöhnt Euch einen verantwortungsvolleren Umgang mit Eurer Angst an!!!

 

Kinder zu haben, bedeutet vor allem eine unheimlich hohe Verantwortung zu tragen. Und, völlig verständlich, mit dieser Verantwortung steigt auch die Sorge, dass ihnen etwas zustossen könnte. Verantwortung und Angst gehen damit einher... Je höher die Verantwortung, desto grösser die Angst. 

 

Gerne gebe ich das ja nicht zu, aber ich bin eine ängstliche Mama. Nicht im Bezug auf Alles - die Hexlein durften früh schon mit Küchenmesser und Sparschäler hantieren, ich lasse sie in der Badewanne auch mal zwei Minuten alleine und den Kindergarten- und Schulweg bewältigten sie schon länger alleine. Im Sandkasten durften sie sich esstechnisch quer durchprobieren und ihr Gartenwerkzeug ist nicht aus Plastik. Aber ich habe eine panische Angst vor Unfällen jeglicher Art. Ausgeschlagene Zähne, gebrochene Gliedmassen, Stürze jeglicher Art, Unfälle auf der Strasse... 

 

So waren dann auch die Skiferien vergangene Woche für mich eher ein Horrortripp als ein erholsames Familienerlebnis. Und vielleicht war diese nagende Angst in mir drin, es könnte irgendein Unfall passieren auch der wahre Grund, warum ich lieber nicht in diesen Urlaub gefahren wäre... Den ersten Tag - alle Hexlein am kleinen Übungslift gleich direkt neben dem Hotel - habe ich noch einigermassen stressfrei überstanden. Ich meine, das obligate Anzieh-, "Nein-ich-will-nicht" und "Was-auch-immer"-Drama gehört zu meinem Alltag und nicke ich mittlerweile in den meisten Fällen einfach weg. Aber meine Hexlein das erste Mal auf Skiern ungebremst Richtung Abschrankung rutschen zu sehen... Mein Herz hatte diverse Aussetzer an diesem Tag. Obwohl die Vernunft doch wusste, dass da erstens ein "Kinderfänger" (Skilehrer, mit dem einzigen Auftrag den ganzen Tag unten am Minihang von oben herabrutschende Kinder aufzufangen) steht und zweitens es sicherlich  nicht im Interessen der Skischule steht den Eltern verletzte Kinder zurück zu geben, konnte ich  mich nicht wirklich entspannen.

Bereits am Tag zwei folgte Hexlein gross ihrem Skilehrer strahlend hinauf auf den Berg... Und die hyperängstliche Helikopter-Mama blieb alleine und nervös unten zurück. Zweimal flog der Rettungshelikopter an diesem Tag  auf den Berg und zurück und jedes Mal... Ihr wisst schon. Als dann das skibegeisterte Twinhexlein am vierten Tag ebenfalls stolz in der Gondel auf dem Weg hinauf auf den Berg sass - Mama natürlich daneben - war ich mittags schon völlig hinüber, dass ich mich aus dem Restaurant an den Rand der Skipiste flüchten musste...

Am Ende der Woche war ich - gezeichnet von mit gedanklichen Horrorszenarien durchwachten Nächten und der nervösen Daueraufmerksamkeit auf mindestens zwei Kinder tagsüber - dermassen erschöpft und überreizt, dass ich auf der Heimfahrt alleine bei der Stimme der Kinder schier einen Tinitus bekam. Dass diese Ängste völlig irrational sind, begriff ich nicht erst, als mein Liebster mich unverständlich ansah und den Kopf darüber schüttelte, warum ich mich denn beklagen würde, dass ich keine Ruhe für mich hätte, wenn ich doch täglich vier Stunden Pause haben könnte, während die Hexlein in der Skischule weilen. Ich konnte ihm nicht erklären, warum es für mich trotz allem um einiges entspannender war, wie angeklebt neben der Skipiste zu stehen... Wie auch, wenn ich doch selber nicht begreifen kann, warum mir diese Angst immer wieder einen Strich durch die Vernunft macht.

 

Trotzdem. Trotz dieser panischen Angst in meinem Nacken, die Hexlein besuchten jeden Tag die Skischule. Mit dabei eine innerlich panische Mama, welche ihnen äusserlich völlig entspannt Mut zu machen versuchte, den unbekannten Skilift doch zu wagen, die etwas steilere Piste doch zu bewältigen. Und Hexlein gross überzeugte doch mit ihrem Skilehrer zum Mittagessen zu gehen, anstatt mit dem Papa - wohlwissend, dass ich dann erst um 15 Uhr wieder von ihr hören würde. Ich habe Verantwortung übernommen. Nicht nur für meine Hexlein, sondern auch für meine Angst. Und somit auch wieder für meine Kinder.

 

Kinder sind oft grenzenlos. Sie können Gefahren und Risiken nicht oder nur eingeschränkt wahrnehmen. Im Alter von 0 bis 4 Jahren haben kleine Kinder noch keinerlei Gefahrenbewusstsein. Erst mit etwa 4 Jahren - abhängig natürlich von der Reife und Entwicklung - beginnen sie langsam akute und unmittelbare Gefahren zu erkennen. Dieses Bewusstsein vertieft sich in den folgenden Jahren, was aber noch längst nicht heisst, dass sie bereits in der Lage sind Gefahren vorausschauend richtig zu beurteilen. Selbst im Alter von 5 oder 6 Jahren merkt ein Kind erst zuoberst auf dem Baum, dass es eigentlich auch herunterfallen könnte. Erst ab einem ungefähren Alter von 8 Jahren beginnen Kinder Risiken und Gefahren auch vorausschauend zu beurteilen. Sie überlegen sich dann vielleicht vor dem Klettern auf den Baum, ob der ausgewählte Ast sie auch wirklich trägt.

Aber Kinder sind neugierig. Möchten entdecken, erforschen und Grenzen austesten. Sie probieren aus, was sie selbstständig schon erreichen können und feiern sich stolz wie kleine Könige, wenn sie wieder ein Stück Selbstwirksamkeit entdeckt haben. Und dazu ist ihre unerschrockene Art wichtig und richtig. Es liegt in unserer Verantwortung unseren Kindern auf diesem Weg die nötigen Grenzen zu setzen, um sie vor Gefahren zu schützen, sie auf Risiken auch aufmerksam zu machen und ihnen gleichzeitig aber so viel zu zu trauen, dass sie eben Schritte schaffen können, die weder sie selber noch wir ihnen zugetraut hätten. Meine Devise auf Spielplätzen war beispielsweise immer: Ihr dürft überall dahin klettern, wo ihr selber hinkommt... Ich erinnere mich mit Gänsehaut an mehrere Momente, in denen ich mir mein Herz fast in die Hose gerutscht ist, wenn kaum hatte ich mich umgedreht ein winziges Hexlein plötzlich irgendwo oben auf dem Spielturm strahlte.

Den Kindern etwas und ganz oft noch etwas mehr zuzutrauen und darauf zu vertrauen, dass sie das schaffen, ist unheimlich wichtig. Kleine Kinder spüren unsere Unsicherheiten und Ängste wie den kalten Herbstregen auf der Haut. Sie verlassen sich auf uns und spüren sie unsere Besorgnis, dann werden sie oftmals selber unsicher. Und Unsicherheit kann dann dazu führen, dass es genau zu diesen Unfällen kommt, welche wir eigentlich vermeiden wollten. Ich erinnere mich an eine Situation: Ich komme ins Kinderzimmer und sehe ein Twinhexlein hoch oben am Regal hängen... Wie oft habe ich ihnen das verboten... schiesst es mir durch den Kopf und mein erster Impuls drängt mich zu rufen und hinzu rennen. Ich kann es gerade noch unterdrücken und kann dann zusehen, wie sie völlig sicher wieder herunter klettert. Das Donnerwetter gab es dann natürlich trotzdem - aber ein bisschen stolz waren wir auch, beide.

 

Und damit komme ich nun zum eigentlich Anlass dieses Blogbeitrages.

 

Gestern Abend sass Hexlein gross am Abendbrottisch. Sichtlich aufgewühlt und verängstigt. Das omnipräsente Thema Corona-Virus war offenbar auch in ihrem Klassenzimmer angekommen. Schulfreundinnen waren so überzeugt davon demnächst sterben zu müssen, dass die Klassenlehrerin das Thema aufgreifen und die Kinder zu beruhigen versuchen musste. 

Ganz ehrlich, ich fand es sehr erschreckend. Es sind siebenjährige Kinder, welche eben erst lesen lernen und garantiert noch keine Zeitungsschlagzeilen lesen. Eigentlich auch keine Nachrichten am Fernsehen ansehen sollten. Woher also kommt diese riesige Angst? Ziemlich wahrscheinlich aus der Familie. Und meiner Meinung nach wurde da die Verantwortung im Umgang mit der eigenen Angst nicht wahrgenommen. 

 

Ängstlich hin- oder her, im Bezug auf dieses Virus mache ich mir keine Sorgen. Ich schliesse uns nicht zu Hause ein, ich lege keine immensen Notvorräte an und zucke auch nicht bei jedem Husten zusammen. Aber selbst wenn ich panische Angst vor einer weltweiten Epidemie hätte, ich habe auch eine Verantwortung meinen Kindern gegenüber und dementsprechend eine Verantwortung im Bezug auf den Umgang mit meiner eigenen Angst. Es kann doch nicht sein, dass siebenjährige Kinder befürchten sterben zu müssen, weil ihre Mama panisch sämtliche Reisvorräte aus dem nächsten Supermarkt schleppen.

 

Ich bin eine ängstliche Mama. Und je älter ich werde, desto panischer stimmen mich gewisse Dinge. Aber ich bin auch ein rationaler, vernünftiger Mensch. Ich setze meinen Verstand meiner Angst gegenüber. Ich weiss um meine Verantwortung. Im Bezug auf meine Kinder, im Bezug auf meine Ängste. Je grösser die Angst, desto grösser sollte die Verantwortung sein.

 

Und darum noch einmal:

 

Geht etwas verantwortungsvoller mit Eurer Angst um! Im Wissen um Eure Verantwortung den/Euren Kindern gegenüber.

Panisch voraus zu springen nützt nichts, wenn Dein Kind aus dem Fenster zu stürzen droht. Genau so wenig wird sich das Corona-Virus wieder zum Verschwinden bringen lassen, wenn wir panisch die Supermärkte leerkaufen, unser Haus mit Stacheldraht umwickeln und (ein bisschen "Überspitzen" muss sein...) auf den hustenden Nachbarn schiessen... 

 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Rübernköpfchen (Mittwoch, 25 März 2020 21:54)

    Hi Petra,
    und nicht mal einen Monat später sitzt du eingesperrt in eurem Haus... Allerdings nicht selbst gewählt, das muss ich zugeben.
    Ich ziehe den Hut vor deiner Selbstreflektion. Nein, du bist nicht ängstlich. Nur vorausschauend. Und das ist gut.
    Liebe Grüße Rike