Monochoriale-Monoamniale Zwillinge

Als wäre es gestern gewesen erinnere ich mich an den Untersuch beim Gynäkologen, als wir erfuhren, dass unser zweites Kindlein im Doppelpack unterwegs ist. Mein ansonsten sehr pragmatischer und schneller Frauenarzt schallte plötzlich auffällig lange und wurde erschreckend still. Zwillinge!!! Mono-mono, meinte der Arzt und schickte gleich hinter her: Das begleite ich nicht, da überweise ich Sie direkt ans Unispital. 

 

Den ersten Schock überwunden, daheim angekommen, musste ich dieses "mono-mono" natürlich erstmal googeln, weil ich keinerlei Vorstellung dazu hatte. Und nach der absolut überraschenden Nachricht, dass da zwei kleine Minis in mir schwimmen, hatte ich alles andere im Sinn als gleich beim Gynäkologen danach zu fragen.

 

Mono-mono ist die Abkürzung für monochorial-monoamniot. Solche Zwillinge sind extrem selten, von 10`000 Schwangerschaften kommen sie nur gerade einmal vor. Und bei einer Schwangerschaft mit eineiigen Zwillingen liegt die Wahrscheinlichkeit gerade einmal bei weniger als einem Prozent. 2014, als Marie & Leah geboren wurden, waren sie die dritten mono-mono-Zwillinge im Unispital Zürich. 

 

Diese seltene Konstellation entsteht, wenn die Trennung erst zwischen dem 8 und 13 Tage passiert, also nachdem die Einnistung in die Gebärmutter bereits stattgefunden hat und die Fruchthöhle ausgebildet ist. Die Embryos befinden sich also in einer gemeinsamen Fruchthöhle und teilen sich eine gemeinsame Plazenta. Die Schwangerschaft birgt grosse Risiken. Die Embryos habe in der Fruchthöhle einen intensiven Körperkontakt und es besteht die Gefahr, dass sich die beiden Nabelschnüre verschlingen und so zu fehlender Versorgung der Embryos führen. Oder, dass sich die beiden Embryos mit ihren Nabelschnüren gegenseitig strangulieren. Ein weiteres Risiko ist das Fetofetale Transfusionssyndrom. Bei 10 bis 15 von 100 Schwangerschaften mit eineiigen Zwillinge kommt es zu dieser Komplikation. Wenn die Gefäße der beiden Zwillinge an der Plazentaoberfläche aufeinandertreffen, gibt es eine Verbindungsstelle, eine sogenannte Anastomose. Über diese Anastomosen sind die Blutkreisläufe der Zwillinge dann verbunden. Wenn dann ein Kind dem anderen über diese Verbindungsstelle Blut abgibt, kann das zu schwerwiegenden Problemen führen. Der Spender verliert kontinuierlich Blut, während es beim Empfänger zu einer Kreislaufüberlastung durch zu viel Blut kommt.

 

Wir hatten nicht nur einmal, sondern wie sich nach der Geburt unserer Wunder wussten, gleich zweimal den Jackpot geholt. Nicht, dass unsere beiden Mädchen ganz spezielle Zwillinge sind, ich hatte auch eine absolut komplikationslose Schwangerschaft. Die beiden entwickelten sich trotz gegenteiliger Prognosen bestens und ich blieb von allen möglichen Schwierigkeiten verschont.

 

Unsere beiden Winzlinge wurden bei 34+4 per Kaiserschnitt geboren und wogen 2030g und 1890g verteilt auf jeweils kurze 44cm. Beide hatten keinerlei gesundheitliche Probleme, so dass wir zehn Tage später schon zu fünft daheim waren. 

Mutig bleiben und Vertrauen haben

Fast vier Jahre nachdem die Twinhexlein gesund und munter und fit wie ein winziges Paar Turnschuhe auf diese Welt geholt wurden, ist es mir ein Anliegen einen Text zu schreiben, der anderen Mamas und Papas Mut machen soll. Eltern, welche vielleicht just jetzt in diesem Moment irgendwo bei einem Frauenarzt sitzen und erfahren, dass da nicht bloss ein kleines Wunder, sondern zwei unterwegs sind. Und, dass diese beiden Wunder ganz spezielle kleine Wunder sind. Nämlich monochoriale-monoamniote Zwillinge.

 

Kürzlich habe ich eine Dokumentation über ein Kind gesehen, dass mit dem Treacher-Collins-Syndrom zur Welt kam (der Film "Wunder" basiert auf dieser Geschichte) und es hat mich sehr berührt, als der unter Tränen Vater schilderte, wie viele Tage vergehen mussten, bis endlich jemand ihm und seiner Frau einfach zu ihrem Sohn gratulierte, anstatt seine Deformation oder die Steine auf seinem Weg in die Zukunft zu sehen. Und irgendwie ergeht es wohl vielen werdenden Eltern von "Momos" ähnlich...

 

Mein Gynäkologe hat mir damals den Begriff nicht näher erläutert. Wahrscheinlich wäre ich im "Oh-scheisse-Zwillinge"-Schock auch gar nicht in der Lage gewesen irgendetwas aufzunehmen. Und darum war es wohl auch gut so. Vor allem darum, weil ich mir nicht wie andere werdende Momo-Mütter gleich detaillierte Ausführungen über FFTS (Fetofetales Transfusionssyndrom), Nabelschnurumwicklung oder sogar über Fetozid anhören musste.

 

Ja natürlich bringt eine Schwangerschaft mit Momos mehr Risiken mit sich, als eine ganz normale Einlingsschwangerschaft. Und natürlich sind Ärzte verpflichtet die werdenden Eltern über Risiken und zusätzlich nötige Untersuchungen und engmaschigere Kontrollen aufzuklären. Aber!!! Lasst uns erst einmal den Schock verdauen, dass da zwei und nicht ein neues Lebewesen unterwegs ist. Hey, das bringt bedeutende Veränderungen mit sich. Das Auto ist zu klein, die Wohnung auch, tausende Kleinigkeiten müssen doppelt angeschafft werden und und und... Dann, dann gratuliert uns einfach einmal und freut Euch mit uns, dass wir da offenbar ein kleines Wunder erschaffen haben. Sich ein bisschen VIP zu fühlen, hilft nämlich in vielen der kommenden anstrengenden und sorgenvollen und schwierigen Momente der Zwillingsstory enorm weiter. Und danach, dann könnt ihr uns immer noch aufklären. Wobei, hier kommt das nächste Aber! Tut das bitte mit ein bisschen Fingerspitzengefühl und vor allem, macht uns doch einfach Mut und vertraut unseren Babies genau so wie wir ihnen die kommenden Monate und dann den Rest ihres Lebens vertrauen lernen müssen. Glaubt an uns und unterstützt uns mit Eurer mittlerweile sehr weit fortgeschrittenen Technik und Eurem medizinischen Wissen. Denn, auch eine ganz normale und unproblematische und unkomplizierte Einlingsschwangerschaft kann "schief gehen" (verzeiht mir die Ausdrucksweise, ich finde irgendwie gerade keine geeignetere Worte). 

 

Ich lief damals nach Hause, nach diesem Termin beim Gynäkologen, völlig im Schockzustand. Irgendwann im Verlauf des Tages fiel mir dieser Begriff wieder ein, mono-mono und ich habe ihn (dummerweise) gegoogelt. Ich glaube, danach habe ich definitiv nur noch geheult, lange. Und es wurde irgendwie noch schwieriger sich mit der Tatsache auseinander zu setzen, dass wir also nicht wie "geplant" zwei Kinder haben würden, sondern drei. Ich habe lange gebraucht, bis ich damit plante, dass beide Twinhexlein gesund und munter zur Welt kommen würden.

 

Mein Alltag war vollgepackt mit Arbeit, dem damals knapp zweijährigen grossen Hexlein, der geplanten Hochzeit und den ganz normalen Herausforderungen einer Schwangerschaft. Ich hatte schlicht keine Kapazität und keine Energie mich ständig damit auseinander zu setzen, dass es kein gutes Ende nehmen könnte. Also begann ich einfach zu vertrauen. In die Twinhexlein, in mich und darauf, dass die beiden in ein paar Monaten gesund und munter in unseren Armen liegen würden. Und ich bekam den Mut auf mich, auf mich und mein Gefühl allein zu vertrauen und auch nachdem mir das Spital zum hundertsten Mal angeboten hatte, mich ab Schwangerschaftswoche 28ig stationär aufzunehmen, klar dagegen zu entscheiden. Bei jeder Kontrolle wurde mir eingebläut jede noch so kleine Veränderung im Bewegungsmuster sofort zum Anlass zu nehmen, ins Spital zu fahren. Dieser Druck, diese unglaubliche Verantwortung machte es für mich alles andere als einfach, diesem Vertrauen und meinem Gefühl zu folgen. Dennoch war ich einfach davon überzeugt, dass wenn ich vertrauen würde und dafür sorge, dass ich mich wohl fühle, die beiden Winzlinge in meinem Bauch ihre Sache weiterhin gut machen würden. Schlussendlich gehörte ich wohl zu den stursten Schwangeren in diesem Spital und spazierte selbst am Abend vor dem geplanten Kaiserschnitt hoch erhobenen Hauptes durch den Ausgang und nach Hause. Schliesslich wollte ich die letzte Nacht zu dritt einfach nur daheim geniessen. 

 

Natürlich - man kann den Lauf der Natur nicht einfach verändern, der Plan jedes Menschen ist meiner Meinung nach geschrieben und grossartig beeinflussen können wir ihn nicht. Aber trotzdem bin ich davon überzeugt, dass wir ohne dieses Vertrauen und ohne den Mut unseren Weg zu gehen wahrscheinlich nicht so reibungslos durch die fast 35ig Wochen gekommen wären. Zumindest nicht ich oder wir als Familie. Und darum schreibe ich diesen Text. Liebe werdende Momo-Eltern und auch alle anderen: Seit mutig, hört auf Euch und vertraut. Und lasst Euch dieses unglaubliche Wunder nicht durch alles, was sein könnte, wenn und eventuell wäre, wenn und... vermiesen.